Aber ich glaube

0

Am Freitag, dem 13., geschieht ein Unglück. Vor allem, wenn am Morgen eine schwarze Katze unseren Weg von rechts nach links kreuzt. Welcher Spinner an so etwas und Ähnliches glaubt? Der Mensch. Und er hat seine Gründe dafür, selbst dreihundert Jahre nach der Aufklärung und dem vermeintlichen Siegeszug der Vernunft. „Es gibt Fragen, auf die die Menschen Antworten haben wollen, aber keine finden. Es ist ein Aberglauben zu meinen, dass diese Fragen mit dem Fortschritt der Wissenschaften verschwinden können.“ Hans-Georg Gadamer, Philosoph.

Christian Lenoble

Für Hippopotomonstrosesquippedaliophobiker ist die Paraskavedekatriaphobie eine doppelte Pein. Zur Furcht vor den langen Wörtern gesellt sich die Angst vor Freitag, dem 13. Und der nächste Anlass kommt bestimmt. Laut Statistikern bietet jedes Kalenderjahr zumindest einen und höchstens drei Freitage, die auf einen Dreizehnten fallen. Es tut nichts zur Sache, wenn dieselben Statistiker regelmäßig vorrechnen, dass sich an einem Freitag, dem 13., keineswegs mehr oder gar größere Unglücke ereignen als zu irgendeinem anderen Datum. Phobie ist Phobie. Und in „Aberglaube“ schwingt nicht zufällig „aber ich glaube“ mit.

Es begann mit Adam und Eva

Schuld an der Misere sind immer die Anderen. Den Anfang machten Adam und Eva, die an einem Freitag aus dem Garten Eden vertrieben wurden, als sie die Früchte vom Baum der Erkenntnis aßen. Jesus wurde am Karfreitag hingerichtet, nachdem beim letzten Abendmahl 13 Personen zu Tisch saßen. Am Freitag, dem 13. des Jahres 1307, erlebten die Tempelritter ihren schwarzen Tag. Philipp IV., dazumal König von Frankreich, ließ die Vertreter des geistlichen Ordens in ganz Europa verhaften, wegen Ketzerei anklagen, in Kerker sperren und hinrichten.
Die Historie der schwarzen Freitage lässt sich beliebig fortsetzen – etwa mit jenem im Oktober 1929, Datum des amerikanischen Börsenkrachs, der eigentlich ein Donnerstag war (im englischen „Black Thursday“), in Europa wegen der Zeitverschiebung aber als Freitag in die Geschichte einging. Als 1957 der Stapellauf eines Öltankers verschoben wurde, da er sonst auf einen Freitag, den 13., gefallen wäre, machte sich ein Journalist in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung darüber lustig – und trug so sein Schärflein dazu bei, dass der Aberglaube vom Unglückstag schließlich auch in Deutschland massentaugliche Verbreitung fand. Mittlerweile fehlt bei der deutschen Fluggesellschaft Lufthansa (sowie bei vielen anderen Fluglinien weltweit) die Beschriftung der 13. Sitzreihe. Auf Reihe 12 folgt die Reihe 14. Aber logisch. Das Unglück rund um das Kreuzfahrtschiff Costa Concordia – um aktuell zu bleiben – trug sich übrigens an einem Freitag, dem 13., zu.
Zeitloser Fakt ist: Schon die Zahl 13 selbst, ganz unabhängig von der bedeutungsschwangeren Kombination mit einem Freitag, gilt in vielen Kulturen als böses Omen. Denn während die 12 als Symbol für Ordnung und Vollkommenheit steht, bringt die darauf folgende 13 das Gefüge der Harmonie scheinbar ins Wanken. „13“, das ist unrund, kantig, chaotisch und nicht berechenbar, „12 + 1“ ergo ein „Teufelsdutzend“.

Aber wir glauben alle

„Alles Unsinn. Aberglaube ist für Spinner“, sagt der rational Denkende und gähnt gelangweilt. Apropos Gähnen. Warum hält sich der aufgeklärte Homo sapiens in der Regel dabei die Hand vor den Mund? Aus Höflichkeit? Möglicherweise. Die historisch belegte kulturelle Wahrheit dahinter ist freilich eine andere. Im Mittelalter galt der weit aufgesperrte Mund als Risiko, dem Teufel zu verfallen. Wer dem Teufel nicht die Chance geben wollte, durch den offenen Mund in seinen Körper zu gelangen, hielt sich die Hand vor. Ein Weg, um sich Dämonen vom Leib zu halten. Und Dämonen gab es im Mittelalter dem Aberglauben nach an jeder Ecke. Um sie in geselliger Runde zu verscheuchen, stießen die Menschen beim Trinken an. Der Krach der aufeinanderstoßenden Krüge sollte die bösen Geister nicht auf böse Ideen kommen lassen. Ein weiterer pragmatischer Grund des Anstoßens lag darin, dass dabei Flüssigkeit von einem Trinkgefäß in das andere schwappte: Ein Vertrauensbeweis in einer Zeit, in der es zu den beliebtesten Tötungsarten zählte, das Gegenüber zu vergiften.
Wie der Mensch von heute kulturell gewachsenen Aberglauben von damals in sein tägliches Verhalten übernimmt, zeigt auch das hoffnungsfrohe Daumendrücken. Wer beim Elfmeterschießen seines Lieblingsklubs seine Daumen in die Hand einschlägt, tut dies den Zuschauern der Gladiatorenkämpfe im Römischen Reich gleich. Der „dicke Finger“ stand symbolisch für das tödliche Schwert. Ihn in der Hand zu verstecken, war eine Aufforderung, das Schwert in die Scheide zurückzuführen, eine Geste, um Gnade für den unterlegenen Kämpfer zu erbitten. Eine besondere Bedeutung kam dem Daumen außerdem bei den germanischen Völkern zu. Ihm wurden gar übernatürliche Kräfte zugeschrieben. Das führte soweit, dass man Toten die Daumen abschnitt, um sie selbst als Glücksbringer zu tragen und von Hexen und Dämonen verursachtes Unheil abzuwenden. Speziell Spieler, die Daumen mit Gold oder Silber überziehen ließen, waren überzeugt davon, Bonheur damit zu finden. Das Glück war ihnen doppelt hold, wenn sie zudem drei Mal auf Holz klopften – eine seemännische Tradition, um anhand des Klangs des Klopfens festzustellen, ob die hölzerne Schiffswand und der Mast noch in Ordnung oder bereits morsch waren. Drei Mal? Ein Muss für gute Christen, die Gottes Beistand wollten, da die 3 für die Dreifaltigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist steht.

Machtkampf mit der Vernunft

Die Verbindung von Aberglauben und Glauben im Sinne der Religion ist von interessanter Natur. Die Kirche des Mittelalters hat unter dem Begriff Aberglauben all das verdammt, was nicht mit der offiziellen Kirchenlehre im Einklang stand. Der Begriff wurde von Afterglaube (= Missglaube) abgeleitet und stand für „falsche“ Glaubensinhalte und -formen. Wer abergläubisch war, wich von der christlichen Glaubenslehre ab, galt als heidnisch, unmoralisch und ketzerisch. Doch der Volksglaube – wie es heute wissenschaftlich heißt – hat sich noch nie um die feinen Unterschiede zwischen offizieller Religion und magischer Vorstellung gekümmert. Zauber, Amulette, heilige Bäume und heilige Haine waren seit jeher wie geschaffen dafür, den Glauben zu beflügeln. Vertraut Glaubende sahen sich lange Zeit jenen überlegen, die vorgaben zu wissen und somit in den Verdacht der Überheblichkeit gerieten.
Die Wende kam im Zeitalter der Aufklärung, das etwa ab dem Jahre 1700 die Bemühungen umschreibt, durch rationales Denken dem Fortschritt hinderliche Hürden umzureißen. Die Zeit der wissenschaftlichen Erklärungsversuche war angebrochen. „Das einzige Mittel gegen den Aberglauben ist die Wissenschaft“, brachte es der englische Historiker Henry Thomas Buckle Mitte des 19. Jahrhunderts auf den Punkt. In seinem Werk „Geschichte der Zivilisation“ formulierte es der Autor wie folgt: „Wenn eine Zeit zu viel glaubt, ist es nur eine natürliche Reaktion, dass eine andere zu wenig glaubt.“ Dass der Satz auch umgekehrt seine Gültigkeit hat, zeigen Untersuchungen der Jetztzeit, die Überraschendes zutage bringen.

Renaissance des Aberglaubens

Tatsächlich scheint es, als fände der Mensch im dritten Jahrtausend nach der Freitags-Kreuzigung Christi in einer von Wissenschaftlern durch und durch analysierten Welt wieder Gefallen am „närrischen“ Aberglauben – zumindest wenn man Studien von deutschen Markt- und Sozialforschungsinstituten wie GfK, Forsa oder Allensbach Glauben schenken mag. Demnach glauben mehr als die Hälfte aller Deutschen an glück- oder unglückbringende Zeichen. 72 Prozent der Bevölkerung benutzen beschwörende Formeln (Toi-toi-toi oder Ähnliches). 57 Prozent lesen Horoskope, jeder Dritte glaubt an die Vorhersagen, jeder Zehnte „ziemlich oder sehr stark“. Der Anteil der Kleeblatt- und Sternschnuppen-Gläubigen hat sich in den letzten drei Jahrzehnten beinahe verdoppelt. Die Schätzungen für die Zahl der Wahrsager und Hellseher in Deutschland reichen bis zu 50.000, der stetig wachsende Umsatz der Esoterikbranche soll bei rund 20 Milliarden Euro pro Jahr angesiedelt sein. Wer sich bescheinigen lassen will, dass er ein atlantischer Wiedergeborener oder ein Lichtarbeiter ist, zahlt gerne dafür. Laut dem Datengenerierungsprogramm Allbus (Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften) ist inzwischen jeder vierte Deutsche gegenüber Wunder- und Geistheilern aufgeschlossen. Die einzigen „Vernünftigen“ dabei scheinen die esoterischen Geschäftemacher zu sein, die, so der österreichische Psychologe Johannes Fischler, „nicht selbst an ihr ,Produkt‘ glauben, sondern das Geld ihrer Kunden in bare Energie transformieren.“

Ein Beleg der Unbildung?

Die Schlussfolgerung, dass in einer verwissenschaftlichten Welt die Sehnsucht nach Unerklärlichem den Aberglauben zunehmen lässt, liegt nahe – und ist laut Heinz G. Klug, Maler und Autor des Webportals „Mensch und Realität“ doch nicht die richtige Conclusio. „Wenn – wie eine Allensbacher Untersuchung belegt – zum Beispiel 11 Prozent der Deutschen glauben, dass sich die Sonne um die Erde dreht und dieses geozentrische Weltbild etwa für die Akzeptanz von Horoskopen hilfreich ist, dann ist das zunächst einmal keine Frage des Aberglaubens, sondern schlicht ein Beleg für erschreckende Unbildung“, so Klug. Seine Überzeugung wird genährt durch Umfrageergebnisse, die zeigen, dass unter den „aber-gläubischen“ Menschen mit Volksschulbildung doppelt so häufig vertreten sind wie Menschen mit Abitur und Hochschulbildung. Ob dieses Verhältnis auch für die Tausenden Anhänger der Hohlwelt-Theorie (die Erde ist hohl, im Inneren lebt eine andere Zivilisation, an den Polen gibt es Zugänge) und der Innenwelt-Theorie (wir leben im Inneren einer Hohlkugel), ist noch nicht erforscht. Auch die Bachelor- und Masterdichte der notorischen Weltverschwörungstheoretiker ist nicht bekannt. Und bei den Strichcode-Gegnern? Wer sich näher für die Gefahren der Barcodes interessiert, erfährt dazu auf der gut besuchten Seite www.quant-vital.de unter anderem: „Barcode / Strichcode (EAN Code) enthält vor der finalen Aktivierung durch den Laser an der Kasse dem Leben abträgliche Informationen. Diese schwächen die Lebensmittel. Diese Wirkung geht beim Verzehr auf Mensch und Tier über. Dies haben wir und verschiedene Partner wiederholt getestet und nachvollzogen.“ Wissenschaftlicher Aberglauben quasi.

Wenn, dann

Kulturelles Vermächtnis, Gegenbewegung zur Bevormundung der Wissenschaft, Folgen mangelnder Bildung – ins Gebräu des Aberglaubens mischen sich vielerlei Zutaten. Hauptverantwortlich ist laut Jörg Sackers letztlich eine zutiefst menschliche Eigenschaft. „Menschen neigen zu der Vorstellung, gleichzeitige Ereignisse seien kausal miteinander verknüpft, obwohl sie in Wirklichkeit voneinander unabhängig sind“, schreibt der Autor des Buches „Wie Denken unser Leben bestimmt und welche ungeahnten Möglichkeiten sich dadurch ergeben!“ Die Herstellung von Kausalität sei eines der Grundprinzipien des Menschen zur Herstellung von Ordnung. Logisches Denken beruht auf diesem Muster. „Die Natur hat uns nicht ohne Grund dazu programmiert, die Bedeutung von seltenen und bizarren Ereignissen zu überschätzen. Denn wir lernen dazu, wenn wir dem Unbekannten mehr Beachtung schenken als dem Vertrauten“, sagt Deutschlands meistgelesener Wissenschaftsautor Stefan Klein. Läuft eine schwarze Katze an uns vorbei, während wir einen Autounfall beobachten, ist die Verknüpfung schnell hergestellt. Passiert das zweimal, entsteht eine ursächliche Verbindung, die sich aus dem Kopf nicht mehr so leicht verdrängen lässt. „Das Fatale am Aberglauben ist seine schwere Widerlegbarkeit. Der wissenschaftliche Beweis der Annahmen des Glaubens an Gott ist ebenso wenig geführt wie das Pech, das schwarze Katzen verbreiten, wenn sie von links nach rechts den Weg kreuzen. Oder von rechts nach links?“, schreibt Sackers. Es ist reine Glaubenssache, welcher Version wir mehr Wahrheit schenken. Und es bedarf vieler Male des Nicht-Zusammentreffens zweier zufälliger Ereignisse, um den Verdacht des Zusammenhangs wieder zu zerstreuen. Pokerspieler, die bei ein und demselben Dealer zwei- bis dreimal eine Pechsträhne hatten, wissen, wovon die Rede ist.

KEINE KOMMENTARE

Kommentar hinterlassen