Let’s Go Schach

Wen Poker intellektuell unterfordert, der kann sich ja mal den Königsdisziplinen des Denksports zuwenden: Schach und Go. Zu staubig? Kein Sex-Appeal? Weltweit 200 Millionen (!) TV- und Online-Zuseher der aktuellen WM in Sotschi scheinen das anders zu sehen. Japanische Armee-Generäle, die ihren Job nur unter der Voraussetzung eines Go-Meistergrades bekommen, wahrscheinlich auch.
Go und Schach zählen – neben Bridge und Dame – zu jenen Denksportspielen, die von der International Mind Sports Association (IMSA) anerkannt werden. Die International Federation of Poker wurde 2010 als fünfter Mitgliedsverband aufgenommen. Aber „who is Phil Ivey“, wenn es einen Magnus Carlsen gibt?

Christian Lenoble

Während sich beim Poker noch die „Geister“ streiten, ob man von einem Denk- und Geschicklichkeitspiel sprechen darf, ist die Sache beim König aller Spiele geklärt. Die Rede ist von Schach, wo Glück keine Dimension ist – wenn man vom Glück absieht, mit einem Monsterbrain geboren zu sein.
Wozu es das braucht, lässt die alte, aber gute Geschichte vom indischen Brahmanen Sissa Ibn Dahir erahnen, der etwa im dritten Jahrhundert das Schachspiel erfunden haben soll, um den tyrannischen Herrscher Sihram zu besänftigen. Der Legende nach hatte der Brahmane daraufhin einen Wunsch frei und erbat sich als Belohnung ein Korn Weizen auf das erste der 64 Schachfelder, zwei auf das Zweite, vier auf das Dritte und so weiter. Devise: Verdoppeln pro Feld. Ein Schelm wollte Sissa Ibn Dahir wohl sein. Denn die Rechnung (mit heutigen Computern) macht die Unerfüllbarkeit seines Wunsches klar. Zwei hoch 64 ergibt rund 18 Trillionen Weizenkörner, was wiederum einem Gewicht von knapp 1000 Milliarden Tonnen Weizen entspricht. Zum Vergleich: Die weltweite Ernte im Jahr 2013 wog 0,7 Milliarden Tonnen.

Die Zukunft hat einen Namen: Carlsen

Ein abstraktes Zahlenspiel ohne aussagekräftigen Wert? Dann gehen wir es spielbezogener und konkreter an. Bereits im Rahmen von 40 Spielzügen – so weit führt eine Partie im Durchschnitt – sind zehn hoch 120 verschiedene Varianten möglich. Unendlich viel mehr demnach, als es Atome im beobachteten Universum gibt (geschätzt 10 hoch 85).
Für Komplexität ist beim Schach somit gesorgt. Die Eigenschaft, Komplikationen vorauszusehen, zu berechnen und darauf geistreich zu reagieren, unterscheidet den Amateur vom Großmeister. Wie so ein Duell auf allerhöchstem Niveau aussieht, davon kann man sich gerade bei der Schach-WM in Sotschi überzeugen. Einander gegenüber sitzen der Inder Viswanathan Anand und der regierende Weltmeister Magnus Carlsen. Letzterer ist vor allem eines: die personifizierte Zukunft des Schachspiels.
Der 23-jährige Norweger ist eine Lichtgestalt der unvorhersehbaren Art. Carlsen hat das Schachspiel, das seit dem Abgang des in den 70er Jahren aktiven Exzentrikers Bobby Fischer ein verstaubtes Dasein fristete, zuletzt in schwindelerregende Höhen gehievt. Seine WM-Spiele 2013 verfolgten weltweit bis zu 200 Millionen Menschen via TV und online. Täglich wohlgemerkt – bei einem Spiel, das nicht gerade für seinen telegenen Charakter berüchtigt ist. In seiner Heimat ist der junge Mann, der im Alter von fünf Jahren das Spiel lernte und mit 13 Großmeister wurde, sowieso ein absoluter Superstar. Das staatliche norwegische Fernsehen überträgt alle Partien live, in Sotschi kämpfen dutzende Reporter Tag für Tag um einen Platz in seiner Nähe.

Gestatten: Makspuls Clarsyn, quak

Carlsens Geheimnis ist neben der einzigartigen Spielstärke sein Talent für die Eigenvermarktung. TV-Show-Duelle wie jenes mit Bill Gates, den er in neun Zügen und 18 Sekunden eigener Nettospielzeit Matt setzte (2,7 Millionen Klicks auf Youtube), wechseln sich mit aufsehenerregenden Werbespots (zum Beispiel mit Model Lily Cole) oder Hochglanz-Auftritten als Fashion-Model ab. Sein jüngstes Erfolgsprojekt: ein Smartphone-App, bei dem man die gewünschten Schwierigkeitsgrade auf das jeweilige Alter des Norwegers abstimmen kann. Wer mal gegen den achtjährigen Carlsen verlieren will, sollte das Experiment mit hochwahrscheinlichem Ausgang nicht unversucht lassen. Ein weiterer Coup: Präzise zur Eröffnung der Schach-WM in Russland kam in Norwegen eine Donald-Duck-Sonderedition auf den Markt. Co-Starring: Carlsens Alter Ego Makspuls Clarsyn. Des Wunderknaben Popularität scheint jedenfalls keine Grenzen zu kennen. Und dem Schachspiel, das kaum Aussicht hatte, sich groß zu verändern, scheint mit seiner neuen marketingträchtigen Werbefigur der entscheidende Schritt in die Zukunft gelungen zu sein.

Schwarz, weiß, Go

Kommen Schachspieler mit acht mal acht Quadraten aus, so setzen Go-Strategen auf ein quadratisches Geflecht aus 19 mal 19 Linien. Auch begnügt man sich im ältesten Brettspiel der Welt nicht mit einer 1700-jährigen Historie. Mehr als 4000 Jahre ist es bereits her, dass im alten China ein Spiel namens Wei-qi (später Go) aus der Taufe gehoben wurde. Seitdem wird mit schwarzen und weißen Steinen gespielt, die es abwechselnd auf die Schnittpunkte der Linien zu setzen gilt. Mit dem simplen Ziel, Gebiete abzugrenzen. Mit Schach hat Go vor allem eines gemein: die Mixtur aus verblüffend einfachen Regeln und schier unbegrenzten Möglichkeiten. Fünf Minuten dauert es, das Spiel zu erklären. Ein ganzes Leben reicht angeblich nicht aus, um die Tiefen des Spiels zu ergründen. Selbst Profis, die sich täglich zehn Stunden damit beschäftigen, spielen niemals im Leben die gleiche Partie.

Land verteilen statt erobern

Will man einen grundsätzlichen Unterschied zum Schach ausmachen, so findet man ihn auf einer ethischen Ebene. Während Schachspieler die totale Vernichtung ihres Gegners im Visier haben – Ziel ist der Tod des Königs, Bauern werden dabei schon mal bereitwillig geopfert –, reicht es Go-Spielern, am Ende der Begegnung einen Punkt mehr als ihr Gegenüber zu haben. Es geht nicht darum, das ganze Land zu okkupieren, sondern darum, es mit Geschick zu seinen Gunsten aufzuteilen. Umgemünzt auf die Businesswelt: Schachspieler wollen die Eliminierung des generischen Geschäftsführers und ein Monopol, Go-Spieler streben am gemeinsamen Markt bloß eine Mehrheit bei den Geschäftsanteilen an. Ein Spiel für echte Strategen, wie ein gesellschaftliches Kuriosum verdeutlicht: Um es in der japanischen Armee zum General zu bringen, ist bis heute der erste Meistergrad (1 Dan) in Go erforderlich.
Was für eine gesellschaftliche Faszination von Go vor allem in südöstlichen Teilen Asiens ausgeht, lässt sich in Zahlen und Fakten dokumentieren. Mehr als zehn Millionen Japaner spielen es. Go-Klubs finden sich in japanischen Städten an jeder zweiten Straßenecke. Staatlich unterstützte Go-Schulen sind ebenso normal wie Spielverbände an Universitäten. Volksschul- und Highschool-Turniere sind eine Selbstverständlichkeit. In Südkorea ist man dem Spiel unter dem dortigen Namen „Baduk“ überhaupt verfallen. Die Popularität von Baduk ähnelt jener des Fußballs in Europa. Rund 30 Prozent aller Männer und zehn Prozent aller Frauen setzen sich regelmäßig ans Brett.

Erste Profis in Europa

Von solchen Zahlen kann in europäischen Breiten nur geträumt werden. Laut einer deutschen Umfrage aus dem Jahr 2004 unter Personen über 18 Jahren kennen 90 Prozent der Befragten das Spiel „überhaupt nicht“ oder „nur vom Hören“. Die Go-Gemeinde verzeichnet zwar jährlich kleine Zuwachsraten, von einem Boom kann aber nicht gesprochen werden. Und dennoch scheint seit Kurzem Bewegung ins Spiel zu kommen. „In Europa gibt es seit einem Jahr Profi-Spieler. Der europäische Go-Verband, die EGF, profitiert dabei von der chinesischen Investorengruppen CEGO, die das Ziel hat, Go in Europa zu professionalisieren und die europäischen Spitzenspieler mittelfristig an die Weltspitze heranzuführen“, weiß Michael Marz, Präsident des deutschen Go-Bunds. Die ersten echten europäischen Go-Profis, Europäer, die Profis in asiatischen Verbänden sind, gibt es bereits – Pavol Lisý aus der Slowakei und Ali Jabarin aus Israel haben vor einem Monat bereits Achtungserfolge auf einem Turnier in Japan erzielt.
Fernöstliche Verhältnisse werden freilich in absehbarer Zukunft nicht erreicht werden. Während in Japan, Südkorea, Taiwan oder China etablierte Profiverbände das Sagen haben und Spitzenspieler in den Verbänden auch Spitzenverdiener sind, muss sich die Handvoll starker Amateure Europas ihren Lebensunterhalt komplett durch Go-Unterricht, überwiegend via Internet, finanzieren. „Das Internet und seine Go-Server zum Online-Spielen locken in der Tat viele neue Go-Spieler an. Allerdings schlägt sich dieser Trend nur unwesentlich in den Mitgliederstatistiken der Verbände nieder“, so Marz. Die Hoffnungen ruhen neben der emsigen Verbandsarbeit auf dem vom CEGO-Projekt ins europäische Go gespülte Geld. „Unter anderem wird dadurch zu Ostern 2015 ein voraussichtlich großes und vor allem üppig dotiertes Turnier in Berlin finanziert. Ein kompletter europaweiter Grand Slam mit mehreren Turnieren soll folgen“, freut sich Marz. Die Zukunft von Go in Europa darf beginnen.

Links: www.dgob.de; www.imsaworld.com

ÄHNLICHE BEITRÄGE