Poker ohne Geld ist fad? oder Willkommen in der Sexismusfalle

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Hand auf’s Herz. Viele unserer Leser würden sich freuen, wenn ihre Frau etwas mehr Anteilnahme an Poker zeigen und eventuell auch mal bei einem Homegame mitspielen würde, damit sie erkennt, wie aufregend, spannend und vergnüglich Poker sein kann. Doch sobald es um die Höhe des Buy-ins für den Pokerabend unter Freunden geht, schaltet die Beste aller Frauen auf „Ich-will-nicht-mitspielen“, auch wenn das Buy-in im Micro-Limit liegt. Falls „Männer“ ihre Angetrauten dann doch zum Spielen überreden können („Okay, dann eben nur für zwei Euro bei 10.000 Chips“), so entwickeln sich direkt nach Beginn des Pokerabends seltsame Spielweisen. Zum Beispiel „Feng Shui Poker“: So nennt sich das Spiel einer Bekannten, die aus Langeweile immer so setzt, dass am Ende ihrer Moves alle Chipstapel gleich hoch sind. Das kann bedeuten, dass sie in einem Pot von 75 auf 7550 raist, weil sonst „die Stapel nicht gleich hoch sind“. Auch wenn der Gewinn- und Humorfaktor etwas erhöht sind, so kann man wahrscheinlich nicht von einem „halbwegs vernünftigen“ Pokerspiel sprechen.

Bei der Recherche zu dieser Ausgabe stellten wir Pokerprofis, Halb-Amateuren und Pokerverantwortlichen die Frage, ob Poker ohne Geld langweilig wäre. Die unreflektierte Insta-Antwort war: „Selbstverständlich!“ Dann fragten wir dieselben Spieler, ob sie jetzt sofort bereit wären, ein Heads-up ohne Geld zu spielen, dafür um einmal Redaktionstoilette reinigen und das im „Hello Kitty Kostüm“ (und natürlich umgekehrt). Den meisten Spielern war der Einsatz zu hoch (allerdings muss zugegeben werden, dass sie kurz darüber nachdachten und erst dann mit einem Lächeln ablehnten). Oder anders gedacht, wenn – egal wer von uns – gegen z. B. Ole Schemion Heads-up spielen würde, wie hoch müsste das „Buy-in“ sein, damit Ole das Spiel ernst nehmen würde? 1.000 Euro? 10.000 Euro? Mehr? Egal, es wird wahrscheinlich eine Summe sein, die kein normal verdienender Mensch (mit vollständigem Chromosomensatz) bereit wäre, gegen Schemion zu spielen. Es wäre auch deshalb egal, denn – vollkommen unabhängig davon, wie hoch die (realistisch finanzierbare) Summe auch sein möge – Schemion nähme es nicht ernst und dementsprechend würde er auch keinen Spaß an diesem Spiel haben – wir auch nicht. Wenn der Einsatz aber nicht Geld, sondern peinlich verkleidetes Redaktionstoilettenputzen wäre, dann würde auch Ole Schemion sich bemühen, das Spiel möglichst nicht zu verlieren.

Was hat jetzt Ole Schemion mit unseren pokerunbegeisterten Gefährtinnen gemeinsam? Es ist dasselbe – fast. Nicht wegen der spielerischen Qualität, sondern der Ernsthaftigkeit dem Spiel gegenüber (alles andere wäre pokertechnisch überraschend). Bei Homegames unter gemischtgeschlechtlichen Freunden ist es immer etwas „kompliziert“, um Geldeinsätze zu spielen. Wie hoch soll das Buy-in sein, damit es Spaß macht, aber trotzdem “etwas weh tut“? 20 Euro? 50 Euro? 1.000? Und was hat man am Ende des Pokerabends gewonnen? Ein paar Euro vielleicht – auf keinen Fall lebensverändernd. Deshalb ist es wesentlich amüsanter, wenn man nicht um Geldeinsätze, sondern um Leistungen spielt – Bounty only. Das kann im Freundeskreis (den man behalten will) von der Ausrichtung des nächsten Pokerabends bis hin zu anderen freundlichen Harmlosigkeiten sein, oder bis zu Hardcore-Einsätzen, zu deren Vorlage viele Joko und Klaas-Sendungen dienen könnten (für Freunde und Bekannte, an denen man „nicht so sehr hängt“). Die Auswahl der Einsätze unterliegt also nur der eigenen Leistungsfähigkeit oder moralischen Grenze. Wenn nach dem Homegame ein Termin mit Klaudia oder Karl im Kalender steht, an dem sie/er mein Auto innenreinigen wird, dann ist das sicher mehr wert als ein paar gewonnene Euros. Und das, was Ole Schemion motivieren könnte, ernsthaft zu spielen, könnte auch für eine Homegamerunde reichen.

Ein befreundeter Cashgameprofi erzählte, dass er einige sehr, sehr reiche Geschäftsleute kenne, die mit Begeisterung pokern würden, nur hätten sie absolut keinen Bock, um Geld zu spielen. Dann eben vielleicht um’s Toilettenreinigen?

Robert Werthan

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