Artur Koren im PokerMagazin-Interview: Momente

Artur Koren ist Europameister. So weit, so gut. Bloß was macht man mit einem, der mit Bekanntheit und Geld partout nichts am Hut haben will, weil ihn der Platz in der Auslage mehr stört als er ihm gefällt? Was fragt man jemanden, der erst von Freunden mühsam überredet werden musste, um diesen Interviewtermin überhaupt wahrzunehmen? Man hofft, dass sich etwas ergibt.

Ein Gespräch über Druck und Profitum beim Poker, über gutes und böses Geld, über die Bedeutung des eigenen Wegs, über die Macht des Wissens, die Freude an der Freiheit und die positive Last der Verantwortung. Eigentlich ein Gespräch über den Sinn des Lebens. Und letztlich über das, was in der Sinnpyramide ganz oben steht.

Christian Lenoble

Arbeitsprotokoll: Der Herr kommt zu Interview samt Fotoshooting eine Stunde zu spät. Die Party in der Nacht zuvor sei zu lang gewesen. Hat den Westbahnhof mit dem Hauptbahnhof verwechselt. Und der Taxifahrer konnte den 500er nicht wechseln. Der Herr entschuldigt sich flapsig mit „nicht mein Tag“ – und vergisst, dass es vor allem nicht der Tag von Fotografin und Journalist ist, die eine Stunde lang im Freien, bei leicht einsetzendem Regen, gewartet haben. Ich notiere: „Typ Pokerspieler: arrogant, sozial inkompetent, empathiebefreit“.
Zwei erkenntnisreiche Stunden später bin ich auch befreit – von eigenen allzu schnellen Vorurteilen.

PM: Tut mir leid, wenn jetzt zum Einstieg nicht die originellste aller möglichen Fragen kommt. Aber es interessiert mich einfach: Wie fühlt es sich an, Europas Meister zu sein?

Artur: Sorry, aber nur weil ein guter Marketingstratege als erster die Idee hatte, sein Turnier Europameisterschaft zu nennen, fühle ich mich noch lange nicht als „Europas Meister“.

PM: Jubel sieht anders aus.

Artur: Natürlich freue ich mich sehr, die Competition in so einem Traditionsbewerb gewonnen zu haben. Das bedeutet mir schon etwas. Aber es gab zum Beispiel vor Kurzem ein anderes Ergebnis, das emotional intensiver war. Nämlich der vierte Platz beim EPT Main-Event in London.

PM: Dazu gleich mehr. Vorher noch eine Zusatzfrage: Verkaufst Du mir den EM-Titel um 10.000 Euro? Du darfst Dich dafür natürlich nicht mehr Europameister nennen und keiner wüsste mehr, dass Du den Titel je errungen hast.

Artur: Warum 10.000?

PM: Das ist nach dem Deal der letzten Drei am EM Final Table in etwa die Differenz zwischen Deinem Cash-Out und dem der beiden Anderen. Die Frage zielt also darauf ab, von Dir zu erfahren, was Dir mehr Wert ist: Titel oder Geld.

Artur: Hm. Sagen wir so: Den Titel habe ich gerne und er wird mich immer an den Sieg erinnern. Aber rational betrachtet ist er keine 10k Wert.

PM: Ok. Und jetzt also drei Wochen zurück, back to London. Warum hat Dir das so viel bedeutet?

Artur: Weil es ein extrem starkes Spielerfeld und ein großer Prestigeerfolg war und weil es mir einfach emotional nahegegangen ist, an diesem Final Table zu sitzen.

PM: Emotional nahegegangen heißt: Du warst supernervös?

Artur: Zunächst gar nicht. Ich hatte von Anfang des Turniers an ein gutes Mindsetting. Vor dem Final Table wurde man dann ein wenig herumgereicht. Und so kam es zu einem kurzen Interview mit Joe Stapleton. Auf die Frage, ob ich nervös sei, antwortete ich scherzhaft: „Nö, warum. Ist ja schon mein zehnter EPT Final Table.“ Tja, und dann ist es mir eingeschossen und die Coolness war weg. Die Angst kam auf, im Spiel nicht mehr Herr der Lage zu sein.

PM: Du warst also plötzlich unter Druck.

Artur: Genau. In dem Zusammenhang vielleicht ein Nebensatz. Andre Lettau wurde ja nach seinem EPT Barcelona Sieg für sein Verhalten am Tisch unglaublich angefeindet. Ich sage dazu nur: Kaum einer kann sich vorstellen, wie groß sich der Druck anfühlt, wenn du erstmals in so einer Situation bist.

PM: Was hat es denn genau mit dem Druck auf sich? Sind es die Kameras, die zigtausenden Leute, die online zusehen und Dein Spiel beurteilen? Ist es die Aussicht auf ein life-changing Preisgeld?

Artur: Davon, dass so viele zusehen, kann ich mich ganz gut distanzieren. Auch davon, was andere über mich denken mögen – bitte nicht arrogant nehmen. Und das mit dem Geld blendet man in so einer Situation eher aus. Ich weiß nicht genau, was den Druck erzeugt. Bei mir wahrscheinlich am ehesten der Anspruch an mich selbst, die bestmögliche Leistung in einem besonderen Moment abzurufen.

PM: Das klingt nach der Aussage eines Profisportlers. Ist Poker Profisport für Dich?

Artur: Gutes Thema. Ich habe einen Freund, der semi-professionell Basketball spielt. Und wenn ich dem so zuhöre, wie ernst er seine Aufgabe nimmt und wie viel Arbeit er geistig und physisch investiert, dann muss ich feststellen: Es gibt erstaunlich viele Pokerprofis, die ihren Job nicht wirklich professionell betreiben – und das bei einem teilweise unvergleichbar höheren Arbeitslohn als den meines Kumpels.

ArturKoren08PM: Das werden die Leute aber nicht gerne hören.

Artur: Das war ja keine Kritik an den Anderen. Eher eine an mir selbst. Ich habe einfach irgendwann angefangen, mich in Frage zu stellen. Und ich bin zum Schluss gekommen, dass es sehr wichtig ist, für die Chance, die sich mir als Pokerspieler bietet, auch die Verantwortung zu übernehmen.

PM: Und wie würde diese Verantwortung konkret gelebt aussehen?

Artur: Willst du Erfolg haben und dich dabei nicht auf das Glück verlassen, musst du deine Chancen einfach realisieren – und dafür etwas tun. Die fetten Jahre der lässigen Fischerei sind nämlich vorbei. Alleine mit intuitiver Intelligenz wird es auf Dauer nicht gehen. Den Unterschied zwischen Erfolg und Pleite macht langfristig eine durch und durch professionelle Einstellung. Vom richtigen Essen angefangen über den Sport als Ausgleich bis hin zur täglichen theoretischen und praktischen Arbeit am Spiel selbst. Was sich übrigens mit dem richtigen Zeitmanagement alles ausgeht. Da bleibt dann auch noch Platz für ein echtes Leben neben dem Poker.

PM: Ist Artur Koren nach seiner eigenen Definition ein echter Profi?

Artur: Nicht ausreichend. Vom Arbeitseinsatz her liege ich wohl in der Mitte zwischen den Semi-Profis und jenen, die wirklich nahezu jeden Tag eine Topeinstellung haben und leben. Ich bin leider von Natur aus ein wenig faul. Aber ich arbeite daran, das zu ändern. Und, auch wenn es ein Stehsatz ist: Wenn man es nicht wenigstens versucht, hat man verloren. Quasi ein negativer Freeroll.

PM: Wer sich Deinen Oktober mit EPT London und EM Baden ansieht, könnte meinen, Du hast kapiert, wie es geht. Fetter Herbst, oder?

Artur: Das sind Momentaufnahmen. Ich hatte davor zwei Jahre, in denen wenig bis nichts gelaufen ist. Und was das Geld betrifft, kann ich nur sagen: Macht nicht glücklich und ist deshalb nicht so wichtig.

PM: Sagt sich besonders leicht, wenn man es hat. In Wien gibt’s dazu den Spruch: Mit vollen Hosen ist gut scheißen.

Artur: Bringen wir das Thema Geld auf den Punkt. Natürlich ist es zu einem Teil wichtig. Wenn es mir zum Beispiel gelingt, genug zu haben, um später mal in Ruhe und sorglos studieren zu können, genieße ich diesen persönlichen Luxus der finanziellen Absicherung. Aber was ich meine mit „Geld ist nicht wichtig“, betrifft den aus meiner Sicht unnötigen Luxus. Wenn mich wer fragt, ob ich jetzt einen Porsche fahre, kann ich nur lachen. Und wenn ich für ein Turnier in einem Hotel für 200 Pfund die Nacht einquartiert werde, denke ich mir beim ersten Mal „wow, cool“ und beim zweiten und dritten Mal: „Brauche ich das wirklich, damit es mir gut geht?“ Ich tue mir schon schwer, eine Taxifahrt vor mir selbst zu rechtfertigen. Lieber geh ich zu Fuß.

PM: Ok, worum geht es dann?

Artur: Um Bewusstsein. Darum, sich den Moment, den man gerade erlebt, zu vergegenwärtigen und zu genießen. Und darum, sich zu entwickeln, indem man sich seinen Ängsten stellt und zu sich ehrlich ist. Am Ende des Tages rechnest du immer mit dir selbst ab, nicht mit den Anderen. Um es bildhaft auf das Pokern umzumünzen: Der Gegner ist nicht schuld, wenn du verlierst. Und der Dealer schon gar nicht. So viel sollte doch jedem klar sein. So weit habe ich es wenigstens schon begriffen.

PM: Pokern als Schule des Lebens.

Artur: Warum nicht. Poker lehrt mich, rational zu denken, zu begreifen, dass das Leben varianzreich ist, zu akzeptieren, was man nicht ändern kann, und mit aller Kraft an Veränderung zu arbeiten, wenn etwas in meinem Machtbereich liegt.

PM: Die wunderbare Welt des Pokerns. Ich schlag Dich als neuen Botschafter von PokerStars vor, einverstanden?

Artur: Uh, heikles Thema. PokerStars macht wahrscheinlich einiges gut, richtig professionell und vor allem schlau. Aber wenn ich an die jüngste Rakeerhöhung denke, kann ich nur den Kopf schütteln. Das maximiert zwar kurzfristig den ökonomischen Erfolg, zerstört aber meines Erachtens auf lange Sicht den Markt. Ich sehe diese Entwicklung äußerst kritisch.

PM: Soll ich das schreiben?

Artur: Unbedingt. Ich bestehe darauf.

PM: Erledigt. Lass uns zurück zu Deiner eigenen Entwicklung kommen und dem, was Dich das Pokern gelehrt hat. Ich höre da das Motto raus: Das Leben ist ungerecht, versuche das Beste daraus zu machen.

Artur: So ist es. Ich bin überzeugt, dass ich im Grunde fast alles erreichen kann, wenn ich es nur wirklich will. Schritt für Schritt, versteht sich. Ich darf mir dabei nur nichts Falsches vormachen, mich nicht selbst belügen. Und ich muss lernen, negative Gedanken durch konstruktive zu ersetzen. Das ist natürlich alles einfacher gesagt als getan. Und ich will hier auch keine großen Reden schwingen. Jeder denkt, dass sein Weg der Richtige ist. Vielleicht liege ich ja komplett falsch. Aber es ist zumindest mein Weg. Und somit passt es für mich.

PM: Wer für sich Antworten gefunden hat, muss sich zuvor eine ganze Menge an Fragen gestellt haben. Du bist somit ein perfekter Vertreter der viel zitierten Generation Y. Da passt Du auch vom Alter her genau ins Profil.

Artur: Eigentlich sehe ich das genau umgekehrt. Ich finde, dass unsere Generation die erste ist, die statt Fragen vor allem Antworten zur Verfügung hat. Wir leben in einer vernetzten Welt, in der ich dank Internet alles auf Mausklick in Sekundenschnelle erfahren kann. Wenn ich wissen will, was gerade in Papua-Neuguinea abgeht, oder wie eine Spinne kackt, dann google ich es. Unser Wissen ist grenzenlos. Und ich bin überzeugt, dass Wissen Macht bedeutet. Wissen ist Freiheit. Etwas zu wissen, gibt mir die richtigen Grundlagen, um die rational bestmögliche Entscheidung für mich zu treffen. Wissen ist aber auch Verantwortung. Wer informiert ist, hat die Verantwortung, danach zu handeln. Wenn ich etwa weiß, Nestlé baut Mist, indem es zuerst den Menschen Wasserreserven klaut und es ihnen danach um überhöhte Preise verkauft, dann kann ich das Zeug halt nicht mehr schuldbefreit kaufen. Weil die Ausrede, ahnungslos gewesen zu sein, wegfällt.

PM: Wissen macht aber auch Angst, wenn man weiß, was in der Welt so alles an Wahnsinn passiert.

Artur: Stimmt. Und da gibt es einiges davon. Die Geschichte mit der Ukraine oder die Tatsache, dass sich Menschen die Köpfe wegen Glaubensfragen abschneiden, macht mir persönlich Angst. Andererseits ist gerade Letzteres ein gutes Beispiel für meine These. Man sollte nicht fanatisch glauben, sondern mit der Hilfe von belegtem Wissen Verstehen aufbauen. Ich denke, das würde uns alle toleranter und besser machen.

PM: Glücklicher auch, nehme ich an.

Artur: Davon gehe ich aus. Und ich plaudere wohl kein Geheimnis aus, wenn ich meine, dass an der Spitze der menschlichen Sinnpyramide das Glück steht.

PM: Und wie weit bist Du selbst von der Spitze entfernt?

Artur: Es geht mir gut. Ich bin glücklicher als früher. Ich tue mir leichter damit, wertzuschätzen, was ich habe. Mit Freunden im Kaffehaus, ein Tag an der frischen Luft oder was auch immer. Es gelingt mir immer besser, den Moment zu genießen.

PM: Dann danke ich für den Moment.