Charming Punch – Kara Scott im Exklusiv-Interview

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Ein bisschen Kopfkino gefällig? Bitte: Kara Scott, bekannt als Rolemodel in Sachen Sanftmut, Sym- und Empathie, schlägt mit Ellbogen, Knie und Schienbein auf eine Frau ein, schauspielert als „Mandy“ in einem Movie mit dem klingenden Namen „Sucker Punch“ oder steht in einer Schule als Lehrerin mit dem Rücken zur Wand, bedrohlich in die Enge getrieben von ein paar Halbwüchsigen. Unzulässige Momentaufnahmen? Zugegeben. Aber reizvolle Kontrastbilder und nichts als die Wahrheit. Aus dem Leben einer glücklichen Vagabundin, die mehr erlebt hat, als man ihrem Gesicht ablesen könnte.

Von Christian Lenoble

PM: Kara, Du jettest seit knapp einem Jahrzehnt rund um den Poker-Globus. Erfolgreiche und schillernde Persönlichkeiten pflastern Deinen beruflichen Weg. Mich interessiert: Wer ist Dein persönlicher Favorit? Phil Ivey, Daniel Negreanu, …

Kara: Meinen Helden kenne ich schon länger. Er heißt Jackie Chan.

PM: Sprechen wir tatsächlich von Jackie Chan, dem chinesischen Schauspieler, Stuntman und Filmproduzent des Martial-Arts-Film-Genres?

Kara: Genau dem.

PM: Aha.

Kara: Da muss ich zur Erklärung ein wenig ausholen. Ich bin in einem kleinen Dorf in Kanada aufgewachsen. Die Abwechslung hielt sich in Grenzen. Eine davon: Filme im Fernsehen. Das Angebot war überschaubar. Wir hatten mit CBC, der staatlichen Rundfunkgesellschaft Kanadas, nur einen einzigen TV-Sender. Und ich begann, mich für Science Fiction- und Kampffilme zu interessieren. Ich war wohl acht oder neun Jahre alt, als ich Jackie Chan entdeckt habe.

PM: Liebe auf den ersten Blick?

Kara: So ähnlich. Im Ernst: Mir imponierten der unbedingte Kampfgeist und diese Bereitschaft, immer wieder aufzustehen, egal wie schwer man zu Boden geht. Das hat mich fasziniert. Und geprägt.

PM: Eine Schwärmerei, solange man die Theorie nicht mit der Praxis auf die Probe stellt.

Kara: Stimmt. Habe ich aber getan, wenn auch einige Jahre später. Mit etwa 20 lernte ich jemanden kennen – und da war ich wirklich verliebt –, der mich zum Kampfsport brachte. Ich begann, intensiv zu trainieren. Meine Disziplin war Muay Thai.

PM: Und aus dem kleinen Mädchen mit den großen Augen wurde eine Frau, die mit Ellenbogen, Knietechniken, Clinchen und Kicks mit dem blanken Schienbein auf Oberschenkel und Rippenbereich zu arbeiten begann. Soll ich das glauben? Muay Thai hat den Ruf, besonders hart zu sein.

Kara: Ja, auf jeden Fall. In den Ring zu gehen heißt, sich zu stellen. Es gibt keinen Fluchtweg. Das ist eine großartige Herausforderung, um seine Ängste zu konfrontieren. Es war übrigens wirklich hart.

PM: Heißt genau?

Kara: Ich bin in meinen ersten Kämpfen nach allen Regeln der Kunst verprügelt worden. Zwei heftige Knock-outs. Aber ich wollte zurück in den Ring.

PM: Eine masochistische Ader?

Kara: Nein, gar nicht. Eher die Erkenntnis, dass eine Niederlage und eine Verletzung nicht das Ende der Welt bedeuten. Und vor allem, dass man mich nicht brechen kann, wenn man mir die Nase bricht. Das war eine direkte, unmittelbare Lektion.

PM: Das hättest Du beim Cage-Fighting intensiver erfahren können.

Kara: Ultimate Fight? Das lehne ich ab. Viel zu brutal. Mich interessieren ja nicht nur der Kampf selbst, sondern auch die Schönheit der Bewegung und die Ästhetik der Athletik. Außerdem ging es mir mehr um das Aufeinanderprallen von Willensstärke als um die Brutalität der Körper. Und ich wollte niemanden verletzen.

PM: Du warst eine Muay Thai Kämpferin und wolltest niemanden verletzen? Deine Gegnerinnen werden sich über Dich gefreut haben.

Kara: Klingt schon seltsam, das gebe ich zu. Mir hat schlussendlich der Killer-Instinkt gefehlt. In Wahrheit fühle ich mich nicht gut, wenn ich jemandem wehtue. Im Kampf wie im Leben. Wohl der Grund, warum das Ganze nach sechs Kämpfen auch wieder vorbei war.

PM: Eigentlich eine schöne Überleitung zu der immer freundlichen und sorglos wirkenden Kara Scott, die wir alle zu kennen glauben.

Kara: Könnte man meinen. Aber wie hart das Leben sein kann, habe ich auch in anderen Situationen erfahren. Dazu hätte es nicht der Martial Arts bedurft.

PM: Und zwar?

Kara: Nach meinen Universitätsabschlüssen in Linguistik und Erziehung bin ich in England Lehrerin geworden. Und nachdem ich eingesehen habe, wie sinn- und fruchtlos die Idee war, in Klassen mit 30 Schülern wirklich etwas bewirken zu wollen, begann ich, mich um kleinere Gruppen von Schülern zu kümmern. Kinder und Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen. Die Schule, die ich mir in London ausgesucht hatte, zählte zu den schlimmsten überhaupt. Die Hölle. Stress pur. Schon in der ersten Woche musste sie wegen rassistischen Unruhen kurzfristig geschlossen werden. Die meisten Lehrer haben es nicht lange ausgehalten. Ich blieb immerhin ein Jahr. Und es passierte mehr als einmal, dass mich Schüler bedrohten und ich mit dem Rücken zur Wand stand.

PM: Du hättest Dich wehren können.

Kara: Wer weiß. Ich habe es jedenfalls nicht darauf angelegt.

PM: Weil wir gerade bei den Härten des Lebens sind. Du kommst aus einem Land, das im Gegensatz zu seinem südlichen Nachbarn als eher ruhig und friedlich gilt. Vor Kurzem, Mitte Oktober, kam es in Ottawa zu zwei tödlichen Terroranschlägen. Desillusioniert?

Kara: Ich war überrascht und ich bin zutiefst schockiert. Ich habe mich in den letzten Wochen gefragt, ob Kanada noch das idyllisch anmutende Land meiner Kindheit ist. Kanada verstand sich stets als Friedenserhalter. Und jetzt das. Erschreckend.

PM: Die Welt kann ein schrecklicher Schauplatz sein. Das bringt mich zu einer Antwort, die Du einmal in einem Interview auf die Frage nach dem Sinn des Lebens gegeben hast. Zitat: „Man sollte versuchen, die Welt besser zu hinterlassen, als man sie vorgefunden hat.“ Ein schöner Kalenderspruch. Wie sieht denn Deine konkrete Umsetzung aus?

Kara: Mein Motto war immer, glücklich zu sein, ohne dabei andere zu verletzen. Als Lehrerin ist mir zudem klar geworden, welchen Einfluss man auf seine Umwelt nehmen kann. Das gelingt aber auch schon in vielen alltäglichen Situationen. Ein Lächeln hilft weiter. Ein freundlicher Augenkontakt mit Fremden als Zeichen des Respekts. Ich engagiere mich auch für karitative Zwecke. Mein Mann wiederum spendet einen Prozentsatz seiner jährlichen Einkünfte für Krebshilfeprojekte. Das finde ich wunderbar. Die Erkenntnis, dass andere den gleichen Wunsch haben, glücklich zu sein wie du selbst, ist schon mal der richtige Weg. Man muss nicht gleich auf Mutter Theresas Spuren sein, um die Welt zu verbessern. Mit Kleinigkeiten, zu denen jeder fähig ist, kann man auch seinen Beitrag leisten.

PM: Woher kommt diese Einstellung? Die Schule des Lebens?

Kara: Auch. Aber natürlich hatte ich vor allem das Glück einer wunderbaren Kindheit mit meinen Eltern. Eine gute Erziehung mit einer Familie, die sich für sehr vieles in der Welt interessiert, ist ein großes Privileg. Ich bin mir dessen bewusst und dankbar dafür.

PM: Du bist ja in einer Kleinststadt mit nur ein paar Hundert Einwohnern aufgewachsen. Ein Kaff könnte man sagen, irgendwo im Norden Albertas.

Kara: Ja. Wir hatten zwar bloß ein größeres Geschäft, so eine Art Gemischtwarenhandel, aber dafür rund um uns jede Menge Bäume und dahinter die endlosen Weiten der Wildnis. Die Toilette war bei uns übrigens außerhalb des Hauses gelegen. Was unangenehm sein kann, wenn es bis zu 50 Grad minus hat.

PM: Klingt idyllisch, aber diese Weite war Dir dann wohl doch zu endlos. Was hat Dich in die große Welt getrieben – außer der Sehnsucht nach einem warmen Klo?

Kara: Ich war schon immer ein neugieriger Mensch. Da liegt es auf der Hand, sich umzusehen und zu verändern. Ich ging 1999, also mit 21 Jahren, nach England, später, im Jahr 2009, nach Kalifornien und inzwischen habe ich meine Zelte in Italien aufgeschlagen.

PM: Und hast dabei Karriere als Journalistin und TV-Moderatorin gemacht – mit starkem Hang zur unsteten Welt des Spielens.

Kara: Es begann mit den ersten im Fernsehen gezeigten TV-Shows für Backgammon im Jahr 2005 und ein Jahr später mit den World Series of Backgammon. Ich bin dann als Journalistin relativ schnell zu Poker gestoßen und wurde als eines der Gesichter von Sky Poker auf dem Kanal Sky Television bekannt. Es folgten die European Poker Tour, die Ko-Moderation in High Stakes Poker und seit 2011 TV-Jobs bei den ESPN-Sendungen zu den World Series of Poker.

PM: Du hast durchaus auch Erfolge als Spielerin aufzuweisen. Du warst unter anderem 2009 die zweite Frau, der es gelang, back-to-back beim WSOP Main Event zu cashen. Der große Durchbruch ist Dir dennoch nicht gelungen.

Kara: Da gibt es wahrscheinlich viele Gründe. Nicht zuletzt fehlt mir wahrscheinlich auch beim Poker der Killer-Instinkt. Wenn es dir leidtut, wenn du jemanden in einem Turnier bustest, ist das vermutlich nicht die beste Einstellung zum Erfolg.

PM: Stimmt, Du willst ja niemandem wehtun. Hier würde ich jetzt übrigens gern ein augenzwinkerndes Smiley setzen. Aber das hat mir mein Chefredakteur verboten. „Schlechter Stil“, sagt er.

Kara: 😉 Ich darf, oder?

PM: Was wahrscheinlich kaum einer weiß, ist, dass Du auch als Schauspielerin Deinen Auftritt hattest. Als Mandy in einem Streifen mit dem vielsagenden Titel ‚Sucker Punch‘. Bezeichnenderweise geht es in dem Film um Kämpfen und Poker. Ich habe eine Kritik gelesen. Da stand: „Ganz schlechter Film, aber nicht schlecht genug, um wieder gut zu sein.“ Hört sich nicht nach einem Meisterwerk an.

Kara: Ach. Sucker Punch – übrigens nicht zu verwechseln mit dem amerikanischen Film gleichen Namens – war so ein wunderbarer Spaß. Ein leidenschaftliches Projekt mit einigen der Jungs, mit denen ich als TV-Produzentin und -Präsentatorin von „Nights of Combat“ zusammengearbeitet habe. Nachdem wir alle auch andere Jobs und Projekte am Laufen hatten, dauerte es Jahre bis zur Fertigstellung. Alleine die Tatsache, dass dieses kleine Independent-Movie schließlich zustande kam, in einem ordentlichen Saal gezeigt wurde und als DVD am Markt erschien, war für uns ein riesiger Erfolg. Die Kritiken tun dabei nichts zur Sache. Ich werde auf dieses vollendete Projekt immer stolz sein.

PM: Der Film zeichnet unter anderem das recht schmierige Bild des großmauligen Gamblers Ray ,Harley‘ Davidson. Und ich frage mich: Was fasziniert jemanden wie Dich an der Welt des Pokerns? Dass deren Protagonisten unsere Welt besser machen, als sie sie vorgefunden haben, darf man bezweifeln.

Kara: Ich mag einfach Menschen und ihre Geschichten. Die gibt es beim Poker in rauen Mengen. Und ich liebe es, wenn Leute einer Obsession nachgehen. Das finde ich spannend. Als Journalistin kann ich die teils abenteuerlichen Geschichten hinter den Spielern in den Vordergrund rücken. Ist doch wunderbar, oder?

PM: Und kräftezehrend, wenn man von Land zu Land, Hotel zu Hotel, Party zu Party und Interview zu Interview rast. Wie gelingt es Dir bei all dem Stress, immer dieses Lächeln auf den Lippen zu haben? Die Leistung einer Schauspielerin?

Kara: Nein, das ist ehrlich. Ich bin ein sehr kommunikativer Mensch. Das ist das Eine. Das wirkliche Geheimnis liegt aber sicher in der Balance zwischen der Aufregung am Job-Set und der Ruhe dazwischen. Letztere finde und genieße ich am liebsten mit Familie und Freunden. Und natürlich mit meinem Mann.

PM: Womit wir zu guter Letzt wieder bei der Liebe gelandet sind. Dein roter Faden durch das Abenteuer Leben, wie es scheint.

Kara: Es hilft in jedem Fall gewaltig dabei, sein Gleichgewicht zu finden. Und je älter ich werde, umso besser gelingt die Übung.

PM: Dann gebe ich hiermit w.o. Mein journalistischer Plan, Dich ein wenig aus der fröhlichen Balance zu bringen, ist grandios gescheitert. Am charmanten Charakter zerschellt, würde ich sagen.

Kara: Das freut mich sehr. Ich nehme es als Kompliment.

PM: So war es gemeint.

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