Daniel Negreanu: Ohne Disziplin geht gar nichts

Daniel Negreanu konnte in seiner Pokerkarriere bereits über 30 Millionen Dollar und sechs Bracelets gewinnen. Er weiß, worauf es ankommt, wenn man Pokerprofi werden möchte, wo die Gefahren liegen und wo das Potential. PokerMagazin hat sich mit dem Kanadier darüber unterhalten und die Chance genutzt, gleich noch ein bisschen weiter zu fragen.

Tobias Frey

PokerMagazin: Du bist seit Jahren schon als professioneller Pokerspieler in der Szene aktiv. Ab wann würdest du einen anderen Spieler als Profi bezeichnen?

Negreanu: Der Hauptfaktor, um einen Spieler als Profi zu definieren, ist das Einkommen. Quasi jeder, der seinen Lebensunterhalt mit Poker finanzieren kann, könnte sich theoretisch als Pokerprofi bezeichnen. Es gibt aber oft auch Spieler, die zwar sehr stark sind, aber sich nicht als professionelle Spieler ansehen. Gerade bei manchen Geschäftsmännern sieht man es oft: Sie leben nicht von Poker, beherrschen das Spiel aber dennoch auf einem hohen Niveau.

PokerMagazin: Welche Eigenschaften sollten ambitionierte Pokerspieler mitbringen, um als Pokerprofis über die Runden zu kommen?

Negreanu: Ohne Disziplin geht im heutigen Pokergeschäft gar nichts mehr. Talent ist die eine Sache, aber wer nicht diszipliniert ist, wird es nicht nach ganz oben schaffen. Denn jeder Pokerprofi hat auch einmal schlechte Monate und es kommt darauf an, wie man damit umgeht. Wenn alles gut läuft, klagt kein Spieler über die Varianz. Aber wenn man einige Wochen am Stück Bad Beats kassiert, kann die Stimmung schnell kippen und man verliert viel Geld.

PokerMagazin: Ist es vor allem für jüngere Spieler gefährlich, die oft innerhalb kürzester Zeit bei hohen Partien zu finden sind und Schwierigkeiten haben, mit Geld umzugehen?

Negreanu: Absolut, da gibt es viele Beispiele. Oft hört man von Nachwuchstalenten, die wie aus dem Nichts kommen, extrem stark aufspielen und nach zwei Jahren wieder komplett von der Bildfläche verschwinden. Oft liegt es an ihrer Arroganz: Sie denken, dass sie sich nicht verbessern müssen, bleiben auf dem gleichen Niveau und werden dadurch von anderen Spielern überholt.

PokerMagazin: Erkennst du am Pokertisch eigentlich einen Profispieler?

Negreanu: Ich sehe innerhalb von zwanzig Minuten, wer Profispieler ist und wer nicht.

PokerMagazin: Woran erkennst du das?

Negreanu: Ich achte darauf, wie sie zum Beispiel ihre Karten halten oder ihre Chips stapeln. Auch Pokerprofis, die normalerweise fast nur im Internet spielen, erkennt man am Tisch: Sie nehmen sich extrem viel Zeit für ihre Entscheidungen. Das ist ziemlich kurios, denn im Internet benötigen sie nicht so viel Zeit, um Hände zu spielen.

PokerMagazin: Du dürftest also für die Einführung einer Shot Clock sein, sodass jeder Spieler nur noch 30 Sekunden hat, um eine Entscheidung zu treffen.

Negreanu: Es ist schwierig zu sagen, ob 30 Sekunden das passende Zeitlimit sind. Generell denke ich aber schon, dass Shot Clocks nützlich sein können. Ich habe aber auch derzeit schon kein Problem damit, bei langsamen Spielern „Time“ zu rufen.

PokerMagazin: Du hast gerade schon darüber gesprochen, dass es viele Profispieler gibt, die kurzzeitig erfolgreich sind und dann ihre komplette Bankroll verlieren. Was sind die Gründe dafür, dass ein Profi scheitert?

Negreanu: Es ist eine Kombination aus verschiedenen Faktoren. Neben einem schlechten Bankroll-Management ist oft auch Selbstüberschätzung schuld daran. Oft denken die Spieler, dass ihre Kontrahenten extrem schwach sind und es leicht ist, an ihr Geld zu kommen. Sie lachen über Gegenspieler, die eine Hand schlecht spielen, und schließen daraus, dass es schlechte Spieler sind – obwohl sie vielleicht jede andere Hand perfekt spielen.

PokerMagazin: Wer sich selbst überschätzt und seine Gegenspieler unterschätzt, hat es also schwer am Pokertisch?

Negreanu: Genau, mit einer solchen Einstellung haben Pokerspieler normalerweise keinen Erfolg.

_H9A3407PokerMagazin: Das anziehende am Pokerspiel ist, dass kurzzeitig auch schwächere Spieler Erfolge feiern können. Es kommt auch nicht darauf an, ob man Profi-, Amateur- oder Hobbyspieler ist, denn am Pokertisch ist jeder Spieler gleich. Warum gibt es – im Gegensatz zum Beispiel zum Golfsport –keine getrennten Turniere für Profis und Amateure?

Negreanu: Es gibt eine gewisse Aufteilung der Spieler, denn bei Turnieren mit niedrigeren Buy-ins wird man eher Amateurspieler finden. Bei den teuren Events gehen für gewöhnlich nur Topspieler an den Start. Natürlich ist der Unterschied zu Golf groß: Wer bei der PGA-Tour mitmachen möchte, muss sich qualifizieren. Eine solche Hürde gibt es bei Poker nicht, es kommt nur darauf an, wie viel Geld ein Spieler besitzt.

PokerMagazin: Wären solche separaten Turniere sinnvoll?

Negreanu: Da bin ich mir nicht ganz sicher. Es gibt bestimmt viele Menschen, die beispielsweise ein Fußballspiel gegen einen Topverein wie den FC Barcelona bestreiten möchten, aber nie die Chance bekommen. Beim Poker ist das anders, wer genug Geld hat, kann gegen Phil Ivey spielen. Ich finde die Idee aber interessant, getrennte Profi- und Amateurturniere zu veranstalten.

PokerMagazin: Weshalb?

Negreanu: Solche Events könnten sich positiv auf das Image von Poker auswirken, außerdem fände ich eine Amateur-Turnierserie spannend. Allerdings könnte es schwierig werden, die Spieler in eine Kategorie einzuteilen.

PokerMagazin: Die Definition, wer Pokerprofi und wer Amateurspieler ist, dürfte nicht gerade einfach sein.

Negreanu: Richtig, nur weil ein Spieler einmal ein großes Turnier gewinnt und finanziell ausgesorgt hat, ist er nicht direkt ein Profi. Mögliche Kriterien wären zum Beispiel, ob ein Spieler ein WSOP-Bracelet gewonnen oder ob er bereits eine gewisse Summe an Preisgeldern erspielt hat.

PokerMagazin: Oder man definiert es über die Likes bei Facebook. Mehr als 130.000 Menschen gefällt deine Facebook-Seite und du wurdest vor Kurzem als bester Social-Media-Pro ausgezeichnet.

Negreanu: Ja, das fände ich charmant.

PokerMagazin: Welchen Stellenwert haben für dich die sozialen Netzwerke?

Negreanu: Ich weiß nicht, ob es wichtig ist, dass man dort als Pokerprofi vertreten ist. Für mich sind Facebook und Twitter eine gute Möglichkeit, meine Meinung kundzutun. Zudem kann ich vielleicht den einen oder anderen Nachwuchsspieler zu einer Pokerkarriere inspirieren.

PokerMagazin: Viele Profisportler haben ein eigenes Social-Media-Team, das Facebook und Twitter bedient.

Negreanu: Das gibt es bei mir nicht, ich habe dafür keinen Manager oder Mitarbeiter. Es gibt sicherlich auch im Pokerbusiness Spieler, die darauf setzen. Ich bin aber ein sehr frei denkender Mensch und fände es nicht gut, wenn jemand Anderer Posts und Tweets in meinem Namen erstellt. Das ist auch das Positive an meinem Sponsoringvertrag mit PokerStars.

PokerMagazin: Inwiefern?

Negreanu: Sie erlauben mir, meine Meinung frei zu äußern. Oft poste ich kontroverse Dinge oder kritisiere zum Beispiel auch mal die Regeln der European Poker Tour, die zu PokerStars gehört. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Verantwortlichen diese Offenheit manchmal nicht lieben, aber sie respektieren mich und meine Ansichten. Ich werde mich in dieser Hinsicht auch nicht ändern und nur noch positive Dinge posten.

PokerMagazin: Dennoch haben die sozialen Netzwerke auch Nachteile, denn jeder auf der ganzen Welt sieht deine Posts und Tweets. Musst du da nicht aufpassen, was du veröffentlichst?

Negreanu: Ich weiß genau, dass sich manche Menschen angegriffen fühlen, wenn ich etwas poste oder meine Meinung äußere. Gerade auch bei politischen Äußerungen muss man aufpassen, wie zum Beispiel beim Gaza-Konflikt. Dann regen sich viele Menschen auf und kritisieren mich. Ich respektiere es, dass es andere Meinungen gibt. Ich möchte aber auch, dass es respektiert wird, wenn ich meine Ansichten veröffentliche.

PokerMagazin: Es kommt meistens einfach auf den Ton an, eine konstruktive Diskussion ist nützlicher als sinnlose Beleidigungen.

Negreanu: So sehe ich es auch, wobei es in Ordnung ist, wenn jemand nicht diskutieren will. Wenn jemand eine andere Meinung hat, frage ich nach, warum er so über etwas denkt und versuche mit ihm ins Gespräch zu kommen. Ich freue mich immer über Diskussionen.

PokerMagazin: Interessiert es dich überhaupt, was die Öffentlichkeit über dich und deine Ansichten denkt?

Negreanu: Meiner Meinung nach kümmert es jeden, was Andere über ihn denken. Das ist bei mir nicht anders. Allerdings werde ich mich nicht verstellen, nur weil ich in der Öffentlichkeit stehe. Mir ist es wichtig, immer ehrlich zu mir selbst zu sein. Ich habe fast immer eine Meinung und ich werde diese auch weiterhin äußern, auch wenn sie kontrovers ist und ich dafür kritisiert werde.

PokerMagazin: Wir hören und sehen also immer zu 100 Prozent Daniel Negreanu in den sozialen Netzwerken, am Pokertisch und bei Interviews? Du machst keine Show oder willst extra provozieren, um Aufmerksamkeit zu bekommen?

Negreanu: Nein, so bin ich wirklich. Natürlich kommt es vor, dass ich auch mal etwas ruhiger bin. Aber im Grunde genommen bin ich schon ein sehr redseliger und aufgeschlossener Mensch.

PokerMagazin: So verhältst du dich auch an den Pokertischen, wobei es sicherlich auch Spieler gibt, die mit dieser Art nicht so viel anfangen können. Wie stehst du zu Emotionen am Pokertisch? Ist es okay, wenn Spieler lautstark über einen gewonnenen Pot jubeln?

Negreanu: Ich freue mich immer, wenn ein Amateurspieler einen Pot gewinnt und dann vor Freude brüllt. Niemand sollte diese Emotionen persönlich nehmen. Nur weil ein Spieler einen Pot gegen dich gewonnen hat, hat er dir nichts Böses getan. Als Profispieler muss man in der Lage sein, mit den Emotionen der Kontrahenten umzugehen. Ich finde es besser, wenn sich jemand freut, als wenn jeder still und leise am Pokertisch sitzt.

PokerMagazin: Übertreiben sollte man die Freudentänze aber auch nicht, oder?

Negreanu: Poker wird durch Emotionen erst unterhaltsam, jedoch sollte man sich nie respektlos verhalten. Es ist nicht okay, wenn man andere Spieler beschimpft. Es kommt auf das richtige Maß an. Als Daniel Colman das One Drop-Event gewonnen hatte und bei der Siegesfeier regungslos dastand, war ich schon etwas überrascht. Junge, du hast 15 Millionen Dollar gewonnen, du könntest dich schon auch etwas freuen!

PokerMagazin: Du könntest auch bald Grund zur Freude haben, denn Anfang November wird entschieden, welche Pokerspieler dieses Jahr in die Poker Hall of Fame aufgenommen werden. Neben dir sind unter anderem auch Humberto Brenes, Huck Seed, Jennifer Harman und Mike Matusow nominiert worden.

Negreanu: Wenn ich ehrlich bin, würde es mich überraschen, wenn ich dieses Jahr nicht aufgenommen werde. Ich mache mir aber nicht allzu viel daraus und wäre jetzt auch nicht enttäuscht, wenn es nicht klappen würde. Dennoch denke ich schon, dass ich es verdient hätte.

PokerMagazin: Gerade wenn man sich deine Erfolge anschaut.

Negreanu: Genau, ich erfülle meiner Meinung nach alle Aufnahmekriterien. Ich wüsste ehrlich gesagt nicht, was ich sonst noch machen müsste, um aufgenommen zu werden. Ich erwarte, dass ich dieses Jahr aufgenommen werde, und habe auch von anderen Spielern gehört, dass es klappen sollte.

PokerMagazin: Mit der Aufnahme in die Pokerruhmeshalle könntest du einen weiteren Meilenstein auf deiner Poker-To-do-Liste abhaken. So langsam wäre es Zeit für den Daniel Negreanu-Film, der auf die vergangenen Jahre im Pokergeschäft zurückblickt.

Negreanu: Ich weiß nicht, ob mein Leben so spannend ist, um einen Blockbuster zu produzieren. Es gab nicht genügend Drama in meinem Leben. Da gibt es andere Spieler wie Mike Matusow oder Scotty Nguyen, die besser dafür geeignet wären. Wobei ich es schon toll finden würde, wenn jemand einen Film über mich drehen würde.

PokerMagazin: Wer könnte die Hauptrolle spielen?

Negreanu: Definitiv Edward Norton. Wir sehen uns ähnlich und er hat auch schon in Rounders mitgespielt.

PokerMagazin: Und welche Schauspieler sollten sonst noch beim Cast dabei sein?

Negreanu: Ich habe viele Freunde, die nicht nur schauspielern, sondern auch pokern. Tobey Maguire, Leonardo DiCaprio und Ben Affleck dürfen sehr gerne bei diesem Film dabei sein.

PokerMagazin: Alles klar, wir werden sie fragen und vielleicht klappt es im Jahr 2015 mit dem Daniel Negreanu-Film.

Negreanu: Macht mal! (lacht)