„Die Uhr vom Pfützenreuter“

Anthony Ghamrawi
geboren 1986
ungarische Mutter
libanesischer Vater
lebt und studiert in Wien
Er spricht Ungarisch, ein wenig Russisch, kein Arabisch und mit uns über die EPT

 

PM: Erinnerst Du Dich noch an den ersten verdienten Euro mit Poker?

AG: Ich ging mit einem Freund ins Concord. Wir waren aufgeregt, weil es etwas ganz Neues für uns war. Wir hatten zu Hause zwar fünf Euro Sit n‘ Gos gespielt aber das war eine andere Welt: die Chips, die Dealer, die Tische. Obwohl das Concord nicht das schönste Casino der Welt ist, waren wir damals völlig hin und weg. Ich weiß noch, dass wir beide ins Geld gekommen sind. Wir waren beide so tight und hatten solche Angst, dass wir uns fast runterblinden ließen. Ich glaub, wir wurden 22. und 24.

PM: Wie viel gab es damals?

AG: Ich glaub, es war gerade mal Geld zurück. Also um die 20 Euro. Aber ich erinnere mich, dass ich die ersten Turniere mit den CCC-Gutscheinen bezahlt habe. Wenn man zum ersten Mal gekommen ist, erhielt man drei Gutscheine: einen zehn Euro Turnier-Gutschein, einen zehn Euro Aces-Gutschein und einen für ein Schnitzel. Ich lotste dann auch noch meinen Bruder und meine Freundin usw. hin, damit ich auch ihre Gutscheine haben konnte. Ich war Student und das war viel Geld für mich. Irgendwann hab ich dann 1.500 Euro gewonnen und das war die Welt für mich. Die hab ich allerdings für teure Hemden und Schuhe ausgegeben. Dann ging es immer weiter, mit allen Swings, die zum Poker gehören. Aber ich war nie ganz broke.

PM: Du spieltest 2012 schon am Finaltisch der WPT in Wien. Was war anders zwischen WPT 2012 und EPT 2014?

AG: Bei der WPT hatte ich einen Großteil selbst bezahlt …

PM: 3,5k Buy-in, bei einer Bankroll von …?

AG: Das waren etwa 25k. Aber es war in Wien und ich wollte sie unbedingt spielen. Im Turnier fühlte ich mich damals wahnsinnig wohl. Ich war nie unter 50 Big Blinds. Ich war nie in einer wirklich großen Drucksituation. Ich hatte nie so unglaublich starke Leute wie Vanessa Selbst oder Faraz Jaka am Tisch. Dann, am Finaltisch, wurde ich unsicher. Ich war das „Scared Money“ am Tisch. Ich habe viele Fehler gemacht und nur noch auf die Gewinnsprünge geschaut. Ich hab mich quasi runterblinden lassen. Aber selbst mit guten Karten glaub ich nicht, dass ich damals weit gekommen wäre.

PM: Was war diesmal anders?

AG: Das erste Ziel war ITM. An Tag zwei war ich so short, dass ich schon den Glauben verloren hatte und mit neun Big Blinds hatte ich auch nicht den großen Spielraum.

PM: Wie groß war Deine Shipping Range zu dem Zeitpunkt?

AG: Die war schon weit. Ab King/X und Queen/X suited. Es ging immer rauf und runter und ich war nur darauf fokussiert, den Stack richtig zu spielen. Zur Selbstdisziplinierung hatte ich mir einen Zettel geschrieben.

PM: Einen Zettel?

AG: Oh Gott, der ist mir so peinlich. Ich wollte ihn nicht mal meiner Freundin zeigen. Aber der Zettel hat mir wirklich geholfen.

PM: Was stand da drauf?

AG: Da stand z. B. drauf: „Lass dir Zeit bei Entscheidungen“, weil ich oft zu ungeduldig spiele. Da stand: „Folden ist nur ein kleiner Fehler“, weil ich mit einem guten Stack oft light weggecallt habe. Ich dachte „der probiert etwas gegen mich“ und im Nachhinein hab ich mich darüber geärgert, wie blöd das war. Um das nicht zu vergessen, hab ich mir diesen Selbstdisziplinierungszettel zusammengeschrieben. Der Zettel hat mir so geholfen, dass er mir dann nicht mehr peinlich war.

PM: Wie oft hast Du auf den Zettel geschaut?

AG: (lacht) Sogar in der Aufzeichnung vom Finaltable sieht man, dass ich ihn angesehen hab. Ich hab ihn jeden Tag vor Turnierbeginn kurz durchgelesen und manchmal auch am Tisch. In der Bubblephase bin ich von 40 Big Blinds, obwohl ich sehr geduldig war, runter auf 15 Big Blinds. Das war schwierig mit den hohen Antes, einem aggressiven Russen usw. In dem Moment hat mir der Zettel schon geholfen, weil ich nicht mit 6/7 suited pushte und dann „hoffen“, sondern wirklich auf meine Spots wartete. Nach der Bubble schaute ich nicht mehr auf die Preissprünge. Ich versuchte, nur noch das Richtige zu machen. Ich wusste von Tag eins an, dass der Sieger 800.000 bekommt. Zum ersten Mal ans Geld dachte ich erst, als sie von einem Deal zu reden begannen.

anthony-ghamrawi-3PM: Bleiben wir gleich am Finaltisch. Warst Du nervös, aufgeregt und/oder unruhig?

AG: Es war verrückt: nein, eigentlich nicht. Vorher hatte ich jede Nacht wahnsinniges, rasendes Herzklopfen– so etwas hatte ich noch nicht erlebt. Und als ich mich an den Finaltisch setzte, war es einfach weg. Frei Dilling saß neben mir und bei ihm pumpte die Halsschlagader wie wild und der ist ein Cash Game Profi – 100 Euro aufwärts. Ich hatte das auch bei 100 Euro Turnieren, aber in dem Moment am Finaltisch war es einfach weg. Ich kann es mir selbst nicht erklären.

PM: Du hattest aber bekannte, gute Spieler am Finaltisch.

AG: Ich bin in der Pokerszene nicht so zugegen. Den Pfützenreuter kannte ich gar nicht. Von Marko Neumann wusste ich, dass er stark ist. Gerade Neumann war extrem aggressiv. Er „prüft“ gerne und packte auch vier und fünf Bets gegen mich aus – meistens hatte ich aber tatsächlich eine Hand. Bei Neumann hat mich überrascht, dass er seine Strategie von Tag vier bis Tag sechs wahnsinnig verändert hat. Er hat Geduld gezeigt, hat sich nicht bluffen lassen und seine Hände fantastisch gespielt.

PM: Oleksii Khoroshenin, der spätere Sieger, brachte die meisten am Tisch durch sein endloses Tanken zum Tilten …

AG: Ich hab mich darüber nicht aufgeregt, weil ich mir selbst viel Zeit genommen hab, aber er hat es schon übertrieben. Den Bulgaren hat er sicher getiltet und den Bracelet-Gewinner auch. Wir spielten aber wirklich wenige Hände. Ich glaub, es waren in 90 Minuten zehn Hände. Mich hat es nicht gestört. Ich hab nur gemerkt, dass ich müde werde.

PM: Wie weit hast Du realisiert, was passiert ist?

AG: Wenn ich das Geld ausblende, dann hab ich es noch nicht realisiert. Vielleicht sähe es anders aus, wenn ich es wirklich gewonnen hätte. Ich bekam große Resonanz auf den Runner-up. Aber wenn ich beim Pokern nicht gewinne, denke ich wirklich noch Wochen darüber nach, obwohl ich sonst nicht so ehrgeizig bin. Andererseits, wenn mir vor der EPT einer gesagt hätte „Du wirst Zweiter“, dann hätte ich ihn für verrückt gehalten. Ich bin wahnsinnig glücklich über den zweiten Platz und gleichzeitig bin ich enttäuscht, dass ich nicht gewonnen hab. Eine emotionelle „Schrödingers Katze“: Freude und Enttäuschung im selben Moment. Aber im Großen und Ganzen bin ich stolz darauf.

PM: Würdest Du Dich als Profi oder Amateur bezeichnen?

AG: Irgendetwas dazwischen. Ich bin Amateur, weil ich mich nicht so stark mit der ganzen Materie beschäftige, nicht so viel Zeit und Arbeit investiere wie vielleicht andere und nicht so den brutalmathematischen Zugang hab. Ich hab eher Spaß daran und ich bilde mir ein, ein gewisses Talent dafür zu haben und wenn ich Freude am Spiel habe, dann spiele ich auch gut.

PM: Wie definierst Du einen Profi?

AG: Ein Profi verdient sein Geld mit Poker.

PM: Welches Gefühl bleibt vom Finaltisch?

AG: Ich bin ein wenig enttäuscht. Nicht, dass ich Zweiter wurde, sondern, dass ich es nicht richtig genießen konnte. Die Situation war fast schon deprimierend: Da sitzt du schon mal an einem EPT-Finaltisch und dann hast du 20 Blinds und dein Gegner über 130 Blinds. Gerade das Heads-up ist so eine tolle Erfahrung. Ich hätte gerne einen ausgeglichenen Stack gehabt, mehr Spiel gehabt, mehr Mind Games und ich hätte die Szenerie, die Kameras, das Heads-up gerne genießen können und wirklich versuchen sollen, zu spielen.

GhamrawiPM: Wie anstrengend war es?

AG: Körperlich und emotional sehr, sehr anstrengend. An Tag vier war ich körperlich so hinüber, dass ich es wirklich nur noch reinstellen wollte und schlafen gehen. Nach einer Stunde Masseuse-Suchen war es unglaublich, als sie da war. Ich glaub, sie hat mich auch ein wenig gerettet. Am Finaltisch war dann leider keine Masseuse mehr erlaubt. Man sieht im Stream auch, dass ich wahnsinnig fertig war.

PM: Du wirktest aber sehr fröhlich am Tisch und manchmal lachtest Du sogar. Fehlte es Dir nach dem Deal an Ernsthaftigkeit?

AG: Nein gar nicht, ich bin immer so. Grundsätzlich bin ich sehr ernst in den Händen. Außer, als ich As/Dame hatte, mit Drilling Dame, da lachte ich am Ende, weil ich daran dachte, wie sehr ich solche Situationen hasse, wenn ich nicht weiß, was ich tun soll und egal, was ich mache, es ist immer blöd. Entweder ich verliere die Hand oder ich mach einen schlechten Fold oder einen guten Fold, egal. Ich komme immer in so blöde Situationen und darüber muss ich dann lachen.

PM: Lass uns über 500.000 Euro reden. Hat es Dein Leben schon verändert?

AG: Ja, es gibt mir Sicherheit. Früher hätte ich sofort höhere Limits gespielt oder ein 25k Heads-up in Vegas. Jetzt bin ich bodenständiger – ich überlege viel mehr. Ich wollte mir schon immer eine Rolex zulegen. Ich bin jetzt dieser Tage in zwei Geschäften gewesen, sah sie mir an und kaufte sie nicht. Ich brauch‘ sie nicht. Ich hab dann vielleicht zwei Wochen eine Freude dran und danach bin ich eh nicht mehr so glücklich damit und sie kostet 5.000 (!) Euro. Seitdem bin ich mit meiner alten Omega wieder sehr glücklich und die hab ich mir auch von einem Turniergewinn gekauft. Wahrscheinlich eine Wohnung kaufen, nach Vegas fahren und vernünftig bleiben.

PM: Schon etwas investiert von der EPT-Gewinnsumme?

AG: Ja, ich hab mir tatsächlich schon etwas vom Gewinn gekauft. Es ist mir ein wenig peinlich, es zu sagen, aber mir gefiel die Uhr von Pfützenreuter. Er hat so eine alte, goldene Casio und so eine hab ich mir gekauft für 30 Euro.