Gaelle Baumann: Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit

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Gaëlle Baumann – ist das nicht die blonde Französin, die man von der Fernsehübertragung des WSOP Main Events 2012 kennt, das Opfer eines Dealer- und Turnierleitungs-Skandals und Final Table Bubble Girl? Ja. Und inzwischen auch die, die es vor wenigen Wochen an den Final Table des WPT Main Events 2015 in Wien geschafft hat. Aber was bedeutet schon das „männliche“ Spiel mit 52 Karten für eine Frau, die gerade hochschwanger ist? Erstaunlich viel. Ein Gespräch über die Zukunft als pokernde Mutter, den Platz der Frau in testosterongeschwängerten Ego-Welten und die harte mentale Arbeit auf dem Weg zu sich selbst.

Christian Lenoble

Gaëlle Baumann, 32, bretonischer Name, ostfranzösische Herkunft. Weltenbummlerin zwischen den Wohnsitzen Malta und London, der Lieblingsdestination Australien und den Stationen des Pokerzirkus. Der erste Eindruck: schüchtern, in sich gekehrt, leise, freundlich. „Ich höre lieber zu als zu reden“, wird sie gleich sagen. Mal sehen.

PM: Gaëlle, ich „sehe“ Deinen Charakter.

Gaëlle: ?

PM: Also, Du hast einen klaren Blick auf Dich und die anderen und es ist Dir völlig bewusst, wozu Du fähig bist. Du lässt Dich selten in blindem Vertrauen auf etwas ein und bist zugleich mutig, ohne zu zögern, Dich den Schwierigkeiten des Lebens zu stellen. Unabhängigkeit im Alltag und die Eigenschaft, nicht zu delegieren, was Du selbst erledigen kannst, kennzeichnen Deine Art. Du gehst Deinen Weg, wobei Dich eine fast mystische Aura umgibt, da Du Dich nur selten Fremden wirklich öffnest. Bloß Personen, denen Du vertraust, zeigst Du Dein wahres Ich, was in erster Linie Deinem gefährlichen Hang zur Wahrheit und Deinem von Grund auf introvertierten Wesen geschuldet ist.

Gaëlle:?

PM: Als Journalist muss man sich irgendwie vorbereiten. Gaëlle ist ein seltener Vorname. Also habe ich mal damit angefangen, die Bedeutung Deines Namens im Netz ein wenig zu recherchieren. Alles Humbug oder erkennst Du Dich in irgendeiner Form?

Gaëlle: Der letzte Satz ist mir hängen geblieben. Introvertiert, das trifft auf mich gut zu. Ich bin von Natur aus schüchtern. Ich höre lieber zu als zu reden.

PM: Das ist jetzt nicht ganz ideal als Ausgangssituation für ein Interview.

Gaëlle: Mal sehen.

PM: Eines ist bei Deinem Vornamen relativ gesichert. Gaëlle ist bretonisch.

Gaëlle: Stimmt. Dabei komme ich aus der Gegend von Strasbourg, also aus dem Osten Frankreichs. Warum mein Vater mir und meinem Bruder einen bretonischen Vornamen gegeben hat, weiß ich nicht. Wir haben keine Wurzeln und keinen historischen Bezug in dieser Richtung. Meinen Eltern scheinen einfach exotische Namen zu gefallen.

PM: Erzählst Du uns ein wenig von Deiner Familie?

Gaëlle: Ich erinnere mich an eine im besten Sinne einfache, recht sorglose und glückliche Kindheit in einem kleinen Dorf mit kaum 2000 Einwohnern. Die Berge waren nicht allzu weit weg und wir gingen gerne im Urlaub schifahren. Noch heute eine Leidenschaft von mir. Und ich habe, wie gesagt, einen Bruder, drei Jahre älter. Der hat auf mein Wesen – rückblickend betrachtet – ziemlichen Einfluss genommen.

PM: Inwiefern?

Gaëlle: Es war jetzt nicht so, dass er der Liebling der Familie gewesen wäre und ich zurückstehen musste. Aber er war in vielen Bereichen besonders talentiert, speziell in handwerklichen Dingen. Ein toller Bursche aber auch jemand, neben dem man erst einmal bestehen muss.

PM: Der altbekannte Kampf zwischen Geschwistern um den Platz an der Sonne?

Gaëlle: So ähnlich. Jedenfalls hat dieses große Vorbild früh meinen Charakter geprägt. Zum einen hat es mich angestachelt zu kämpfen, um mich zu beweisen. Zum anderen kostet es mich oft Selbstvertrauen, zu sehen, wie gut er ist. Noch heute bemerke ich an mir die Tendenz, den Blick automatisch auf die „Besseren“ zu lenken und mit mir selbst sehr kritisch zu sein. Das macht mich ein wenig fragil. So etwas bleibt in dir und lässt sich auch mit den Jahren und der Erfahrung nicht so leicht korrigieren. Bitte nicht falsch verstehen: Ich spreche hier nicht von einem Kindheitstrauma. Im Gegenteil. Diese Situation hat mein Wesen geschärft.

PM: Und offenbar Deine Durchsetzungskraft. Dein Curriculum ist ja eher ein Ausweis für jemanden, der schafft, was er anpackt.

Gaëlle: Mag sein. Auf jeden Fall hat es mich nicht geschreckt, in die Welt hinauszugehen und zu machen, was ich mir vornehme. Ein Meilenstein war sicherlich die Zeit in Australien. Ich kam als Austauschstudentin nach Perth und habe dort ein wunderbares Jahr verbracht. Nicht nur an der Universität. Mit meinem damaligen Freund sind wir zum Beispiel drei Monate lang zeltend durch die Wildnis gezogen. Pures Abenteuer und etwas, das ich zehn Jahre später in den USA wiederholt habe. Da ist mir dann allerdings aufgefallen, dass mir der Komfort eines Bettes schon ein wenig abgeht. Man verliert scheinbar an Wildheit mit dem Alter.

PM: Du warst nicht nur wild, Du hast auch ganz „brav“ und ordentlich einen Bachelor und einen Master erledigt.

Gaëlle: Ich kam von Perth zurück nach Frankreich, zog nach Grenoble und hatte zunächst im Sinn, mir mit dem Studium einen Beruf als Universitätsprofessorin im Bereich der Linguistik aufzubauen. Die Idee habe ich im Laufe der Zeit verworfen. Der Weg dorthin erschien mir zu langwierig. Ich sattelte auf das Ziel um, professionelle Übersetzerin zu werden. In diese Richtung ging auch mein Masterabschluss. Zwischenzeitlich hat mir vorgeschwebt, eventuell im kinematografischen Bereich – Filmuntertitelung, Synchronisierung, … – tätig zu sein. Da waren aber wiederum die finanziellen Möglichkeiten äußerst beschränkt.

PM: Das sind sie beim Pokern für 99 Prozent der Spieler auch. Was Dich nicht davon abgehalten hat, diesen Weg einzuschlagen. Und ich frage mich, wie es dazu kam. Ist ja nicht unbedingt der klassische Lauf der Dinge, dass sich eine Frau mit abgeschlossenem Studium in der Tasche und Aussicht auf Karriere plötzlich der Welt des männlichen Zockens zuwendet. Irgendetwas von Deinem Lebenslauf musst Du uns bisher verschwiegen haben.

Gaëlle: Gespielt habe ich schon immer leidenschaftlich gerne. Gesellschaftsspiele oder strategische Spiele vor allem. Als Kind zum Beispiel Scrabble oder Monopoly mit meinen Großeltern, die ich vor und nach der Schule besuchte, wenn meine Eltern schon oder noch in der Arbeit waren. Mit dem Pokern bin ich zum ersten Mal in Perth über Studienfreunde in Berührung gekommen. Ich hatte keine Ahnung davon, habe fünf Dollar eingezahlt und die haben sich irgendwie auf wunderbare Weise zu 20 Dollar vermehrt. Was mich überrascht hat. Zurück in Frankreich meldete ich mich auf einer Pokerseite an, um zuerst mit Playmoney zu spielen. Die Faszination war geweckt.

PM: Und dann ging es bald um Bares. Angeblich hast Du am Anfang 100 Dollar online eingezahlt und zu Dir gesagt: „Wenn ich das verliere, höre ich mit dem Pokern sofort wieder auf.“

Gaelle1Gaëlle: Das stimmt genau so. Ich kenne mich und hatte von Beginn an ein wenig Angst, einer unkontrollierten Sucht zu verfallen. Deswegen musste ich mir Grenzen setzen. 100 Dollar schienen mir eine vernünftige Grenze. Ich „investierte“ auch nicht alles auf einmal, sondern scheibchenweise 2-Dollar-Einheiten.

PM: Ein früher Sinn für Bankroll-Management. Scheint aufgegangen zu sein. Das kleine Investment hat sich groß gelohnt. Inzwischen hast Du bei Live-Turnieren die Eine-Million-Gewinn-Grenze überschritten und da sind die Online-Gewinne noch nicht einmal mit einberechnet.

Gaëlle: Dabei ist online mit Sicherheit meine größere Stärke. Ich habe beim online Cash Game viel gewonnen. So ist auch Winamax auf mich aufmerksam geworden. Deswegen kam ich in das Pro-Team.

PM: Ach. Und alle dachten, Du wurdest bloß aufgenommen, weil Du gut aussiehst.

Gaëlle: Der Grund war, dass ich erfolgreich war.

PM: Bitte nicht grantig sein, war augenzwinkernd gemeint. Aber lass uns dieses Thema ernsthaft angehen. Der Verdacht, dass Frauen unter anderem wegen der Optik den pokernden Männerverein bereichern sollen, ist nicht völlig an den Haaren herbeigezogen. Sex sells. Wäre nicht der erste Wirtschafts- oder Sportzweig, der sich dieser Marketingstrategie verschreibt. Wie erlebst Du die Rolle der Frau im Pokerzirkus?

Gaëlle: Ein bisschen triste. Fakt ist zunächst, dass der Frauenanteil in einem Pokerturnier selten die Fünf-Prozent-Marke übersteigt. Das Spiel ist nun mal als Männerdomäne gewachsen und es wird, soziologisch gesehen, Zeit brauchen, bis sich etwas ändert. In die richtige Richtung gehen Initiativen wie Frauenturniere. Ich war anfänglich skeptisch, erkenne aber inzwischen den Sinn. Es ist eine Möglichkeit, Frauen ans Pokern heranzuführen. Und dem Poker würde es marketingtechnisch wohl nicht schaden, wenn es das Macho-Mafia-Zigarrenklub-Bild gegen ein sportlicheres Image eintauscht.

PM: Frauenturniere also. So wie das jüngste Ladies-Event der EPT Deauville? Unter den 84 Spielern waren 20 Männer gemeldet. Einer davon, Thierry Derkx, hat es gewonnen. Nicht ganz im Sinne der Erfindung, oder?

Gaëlle: Tja, absurd.

PM: Es geht auch noch absurder. In Wien hat vor Kurzem ein Wiener Jus-Student die Gleichbehandlungskommission im Bundeskanzleramt angerufen, weil er sich als männlicher Gast vom Casino diskriminiert fühlte. Der Grund: Beim montäglichen Montesino-Damentag dürfen Frauen gratis spielen, während Männer 25 oder 30 Euro Buy-in zahlen müssen. Die Kommission gab dem übereifrigen Jungspund übrigens unter Berufung auf den Europäischen Gerichtshof recht. Es liege eine unmittelbare Diskriminierung aufgrund des Geschlechts beim Zugang von Gütern und Dienstleistungen vor. Die Besitzer des Montesino wurden aufgefordert, Schadenersatz zu leisten und die Damentage binnen zwei Monaten einzustellen.

Gaëlle: Da haben halt einige nicht ganz begriffen, worum es geht. Nämlich darum, Frauen die Chance zu geben, sanft in die Pokerwelt einzusteigen. Von höheren Damenquoten würden am Ende alle profitieren. Die Veranstalter, die Frauen sowieso – und die Männer werden sich wahrscheinlich auch nicht beschweren, wenn sie mehr weibliche Gesellschaft haben.

PM: Wäre die Pokerwelt attraktiver, wenn mehr Frauen an den Tischen sind?

Gaëlle: Ich denke, das Ambiente wäre vermutlich großzügiger und weniger verbissen.

PM: Das war jetzt alles recht gesellschaftspolitisch. Mich würde aber vor allem interessieren, wie es Dir persönlich am Tisch als Frau unter Männern ergeht. Lady-Events als sanftes Intro brauchst Du ja keine mehr.

Gaëlle: Als ich das erste Mal im Pariser Cercle live Cash gespielt habe und nur von Männern umgeben war, hat mich das ziemlich eingeschüchtert. Überdimensionierte Egos, anzügliche Bemerkungen, Testosteron-Demonstrationen etc. Inzwischen kann ich damit umgehen, auch wenn es mich manchmal noch stört. Was mich noch heute richtig nervt, ist zum Beispiel, wenn mir ein Mann sagt: „Lächle doch mal. Du schaust immer so böse auf den Fotos.“ Ich meine, das würde ein Mann niemals zu einem Mann sagen oder?

PM: Es gibt einige Sätze wie: „Dein Lächeln gefällt mir. Darf ich Dich auf einen Drink einladen?“, die Männer in der Regel lieber Vertretern des anderen Geschlechts ins Ohr hauchen als jenen des eigenen. Wo liegt das Problem? Man kann es ja auch so sehen wie beispielsweise Sofia Lövgren. Im letzten PM-Interview meinte sie, sie genieße es, als „schöne Frau“ gesehen, bemerkt oder bezeichnet zu werden. Fairerweise muss ich ergänzen, dass sie das „schön“ nicht nur aufs Äußerliche bezieht. „Gut aussehen“ sei für sie eine Frage der Persönlichkeit.

Gaëlle: Für mich gilt eher: Das Image der schönen Frau, die sich im Blick der Männer spiegelt, langweilt mich mehr als es mir schmeichelt. Ganz abgesehen davon möchte ich in der Pokerwelt in erster Linie als professioneller Pokerspieler wahrgenommen werden, geschlechtsunabhängig.

PM: Ich zitiere jetzt dazu mal eine seriösere Quelle als das Esoterik-Gewäsch vom Anfang. „Gaëlle hat das Spiel eines Hais. Ziemlich kalt, analytisch und präzise. Und sie setzt sich am Tisch durch. Das ist eine maskuline Herangehensweise“, hat Dein Manager Stéphane Matheu über Dich gesagt. „Ich erkenne mehr männliche als weibliche Züge.“ Und das hast Du einmal über Dich selbst gesagt. Interessant bei jemandem, der sich anscheinend gerne für die Belange der Frau engagiert. Falsch zitiert?

Gaëlle: Nein, stimmt schon. Ich war in meiner Kindheit das, was man auf Französisch gerne einen „garçon manqué“ bezeichnet. Also ein Mädchen, an dem ein Junge verloren gegangen ist. Ich hatte zwar auch Puppen, spielte aber lieber mit kleinen Autos und Lastwagen. Im Lycée habe ich mich für Elektronik und Mechanik interessiert. Und einer meiner Kindheitswünsche war es, Astrophysikerin zu werden. Ebenfalls nicht gerade typisch weiblich.

PM: Na dann jetzt mal ein Schwenk zu etwas unbestritten typisch Weiblichem – also dazu, dass sich gerade etwas in Deinem Bauch bewegt.

Gaëlle: Im doppelten Sinne weiblich übrigens: dass sich etwas bewegt und wer sich darin bewegt. Es wird ein Mädchen.

PM: Wann soll es so weit sein?

Gaëlle: Anfang Juni.

PM: Dann ist wohl auch Schluss mit dem Pokern.

Gaëlle: Witzig, das höre ich dauernd. Ich sehe es anders. Es wird natürlich Veränderungen geben. In jeder Hinsicht. Im Moment pendeln mein Mann, ein Journalist bei Winamax, und ich zwischen Malta und London. Mit einem Baby möchte ich sicher ein gesetzteres Leben führen und wir werden uns für einen dauerhaften Wohnsitz entscheiden. Aber grundsätzlich kann ich mir vorstellen, dass sich relativ bald Beruf und Familie unter einen Hut bringen lassen. Darüber habe ich viel nachgedacht. Ich halte das für kompatibel, zumal ich das Glück habe, meinen Sponsor und den Platz bei Winamax nicht zu verlieren. Ich muss mich einfach gut organisieren.

PM: Was Dir vermutlich nicht schwerfallen wird. Stéphane Matheu meinte unter anderem auch, Du seist eine hoch organisierte und selbstbestimmte Frau. Andererseits werden jetzt ein paar aufschreien, wenn man hört, Du willst bald wieder zurück an die Tische, anstatt Dich exklusiv Deinem Kind zu widmen.

Gaëlle: Keine Sorge, mein Kind wird natürlich ein zentraler Mittelpunkt meines Lebens sein. Und ich freue mich riesig auf ein Familienleben als Mutter, bei dem in Zukunft durchaus mehr als ein Kind geplant ist. Aber ich habe es selbst mit meinen Eltern, die beide den ganzen Tag gearbeitet haben, erlebt, dass beides möglich ist, Familie und Beruf. Meine Mutter hat mir früh erklärt, dass sie in die Arbeit geht und wir dafür mit dem verdienten Geld wunderschöne gemeinsame Familienurlaube machen können. Ich habe das akzeptiert. In meiner Erinnerung hat es mir als Kind an nichts gemangelt, weil die Qualität unserer familiären Beziehungen hoch und ich zugleich selbstständig und frei war. Wenn ich das alles mit meinen Kindern und meinem Mann und dem Pokern so schaffe, dann klingt das für mich gut.

PM: Da wärst Du dann quasi ein Role-Model. Mir fällt auf Anhieb keine hauptberuflich Poker spielende Mutter ein. Mir fällt aber auch keine werdende Mutter ein, die es hochschwanger auf den Final Table eines WPT Main Events geschafft hat. Gratuliere zu Deiner jüngsten Performance in Wien.

Gaëlle: Danke. Tut sehr gut nach zwei eher dürren Jahren.

PM: Jetzt bist Du wohl den langen Schatten des WSOP Main Events aus dem Jahr 2012 los. Bislang warst Du ja der breiten Poker-Öffentlichkeit fast ausschließlich als unschuldiges Opfer eines handfesten Dealer- und Regelauslegungs-Skandals bekannt. Mit der zynischen Pointe, im späteren Turnierverlauf ausgerechnet von dem darin verwickelten Spieler aus dem Turnier genommen zu werden – als Final Table Bubble Girl. Denkst Du manchmal noch daran?

Gaëlle: Eigentlich kaum. Vor Kurzem saß ich allerdings mit Koroknai, so hieß er, wieder an einem Tisch. Da kamen die Erinnerungen heftig hoch.

PM: Empfindest Du es nicht als ungerecht, dass man sich mehr an diese Story erinnert als an Deine damalige Leistung. Schließlich bedeutete der 10. Platz beim WSOP Main Event das beste Ergebnis einer Frau seit 17 Jahren. Eigentlich hattest Du eine Erfolgsgeschichte geschrieben.

Gaëlle: Vielleicht. Aber mich haben andere Dinge in diesem Turnier nachhaltiger beschäftigt.

PM: Und zwar?

Gaëlle: Dass ich während des Main-Events und auch danach so unglaublich viel Stress und Zweifel am Tisch hatte. Ich musste lernen, damit besser umzugehen. Also suchte ich einen Mentalcoach und fand Pier Gauthier.

PM: Woran habt ihr gearbeitet?

Gaëlle: Ich bin ein Mensch, der sich schwer tut, eigene Fehler zu akzeptieren. Verliere ich oder spiele ich schlecht, steigen massive Zweifel in mir auf. Mein Selbstvertrauen wankt und ich bin mir selbst böse. Keine guten Eigenschaften, um schwere Zeiten zu durchtauchen und wieder auf die Beine zu kommen. Eher Eigenschaften, die einen Tilt-anfällig machen. Daran galt es zu arbeiten. Erstens, indem man die eigenen emotionalen Mechanismen und ihre Wurzeln verstehen lernt – und zweitens, indem man akzeptiert, dass die Perfektion nicht möglich, und vielleicht nicht mal erstrebenswert ist. Vier bis fünf eineinhalbstündige Sitzungen mit Pier Gauthier haben mir dabei enorm geholfen.

PM: Vier bis fünf Sitzungen? Wenn’s so einfach ist …

Gaëlle: So einfach ist es nicht. Es ist schwer, etwas an seiner Persönlichkeit zu ändern. Und je älter man wird, umso schwerer scheint es zu werden. Kleinste Änderungen verlangen große Arbeit an sich selbst. Aber ich habe auch die Eigenschaft, keine große Ego-Barriere aufzubauen. Es fällt mir nicht schwer, mich selbst infrage zu stellen. So konnte ich in kurzer Zeit beim Mental-Coaching viel mitnehmen. Es hat mich auf die richtige Spur gebracht. Die Arbeit an mir geht freilich weiter.

PM: So gesehen würden die meisten von uns einen Mentalcoach vertragen.

Gaëlle: Ich kann es nur empfehlen. Das Thema geht ja weit über das Pokern hinaus. Und nachdem ich am Tisch genauso wie im Leben bin, hat es mir quasi doppelt geholfen.

PM: Du bist am Tisch genauso wie im Leben?

Gaëlle: Ich meine damit, dass ich die gleichen Probleme und Stärken meiner Persönlichkeit mit mir herumtrage wie im Alltag. Ein kleines Beispiel zur Illustration: Ich kann und will im Leben nicht offen lügen. Gelingt mir einfach nicht, auch beim Pokern nicht.

PM: Wenn man Dich nach einer Hand also fragt, welche Karten Du hattest …

Gaëlle: … sage ich besser nichts, weil ich sonst wohl ehrlich antworten würde.

PM: Ob es für Dich als Pokerspielerin gut ist, wenn ich das ins Interview schreibe?

Gaëlle: Wahrscheinlich nicht. Aber es ist immerhin die Wahrheit.

PM: Dann bleibt mir nur noch, Dir viel Glück für Deinen persönlichen Main Event im Juni zu wünschen.

Gaëlle: Merci beaucoup.

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