Johan Brolenius: „Solche Männer fehlen im Poker“

Johan Brolenius war schwedischer Ski-Profi und fünf Jahre österreichischer Poker-Profi. Johan Brolenius ist in Österreich bekannter als in seiner Heimat Schweden. Johan Brolenius im PokerMagazin-Gespräch auf der CAPT-Velden im Juli 2014.

Robert Werthan

Johan, Du hast 23 HendonMob-Einträge und nur 16 Top-Ten Platzierungen im Skifahren. Bist Du ein besserer Pokerspieler als Skifahrer?

(lacht) Jetzt schon, heute schon. Jetzt bin ich nicht mehr so gut im Skifahren. Als ich aufgehört hab‘, Ski zu fahren, da war ich unter den Top 3 der Welt. Aber das innerliche Feuer war weg, und wenn das weg ist, dann reißt man nichts mehr.

Beim Pokern verspürst Du das Feuer?

Ist auch ziemlich weg. Es war immer ein Traum von mir, unter Tags, nicht nachts, online Poker zu spielen, abends Sport zu betreiben und dann mit Freunden schön essen. Das wäre für mich mein Traumleben gewesen.

Aber irgendwie scheinst Du es nicht ganz geschafft zu haben.

Ein Sportler braucht Disziplin. Als ich Sport betrieben habe, war ich sehr, sehr diszipliniert. Dann bin ich in die Pokerwelt gekommen und es war ein ganz anderes Leben. Ich habe das einfach zu locker genommen und viel zu übertrieben. Meiner Meinung nach kann ich sehr viel, was Poker anbelangt, aber die Disziplin fehlt, um davon leben zu können. Ich habe es noch nicht hundertprozentig aufgegeben, weil es mich sehr reizt. Aber wenn, dann müsste ich mich zusammenreißen, sonst kann ich davon nicht leben. Ich habe aber immer wieder meine Aussetzer, und die kosten viel zu viel.

Wurdest Du vom schwedischen Ski-Verband als Maulwurf eingeschleust, um den ÖSV auszuspionieren, oder wie kommt ein schwedischer Skifahrer zum mitteleuropäischen Poker?

 

2001 hatte ich eine schlechte Saison. Ich rutschte in der Weltrangliste von 19 auf 180, flog aus dem Kader und im Oktober gab es eine Quali vom schwedischen Skiverband. Ich war aber überzeugt, dass ich es wieder zurück in den Weltcup schaffe. Ich siedelte also nach Fließ in Tirol und konnte kein Wort deutsch, aber dort konnte ich zwölf Monate im Jahr Ski fahren. Ich stand um fünf Uhr früh auf, fuhr zwei Stunden zum Hintertuxer Gletscher, um zu trainieren. Unterwegs kaufte ich mir eine Wurstsemmel und Mineralwasser. Ich musste sparen – ich bezahlte ja alles aus eigener Tasche, ohne Verbandsunterstützung. Nach dem Heimkommen setzte ich mich noch zwei Stunden auf den Ergometer und habe danach noch die Ski gefeilt und gewachst. Das machte ich jeden Tag von Juli bis Oktober.

Wie ging die Quali aus?

Ich gewann im Slalom mit 2,7 Sekunden Vorsprung.

Brolenius2So kamst Du nach Österreich. Und zum Spiel?

In Schweden begann der Pokerboom 2000. Ich war nie ein Spieler. Ich spielte nie Karten, Playstation oder Ähnliches. Es gab damals eine TV-Show, die hieß „Pokermillionen“. Da nahmen ein paar schwedische Pokerpros und ein paar Sportler teil – ich auch. Ich kannte mich damals gar nicht aus, aber das Spiel hat mich total fasziniert, weil Du gegen andere Menschen spielst. Ich muss bedenken, was Du denkst und das war für mich ein neuer Sport.

Ist Poker tatsächlich Sport?

Auf jeden Fall, ja. Jeder sagt, beim Sport muss man schwitzen, aber das finde ich nicht. Als Sportler ist man es gewohnt, unter Druck zu stehen. Du musst immer etwas beweisen – etwas erreichen. Poker ist Sport, weil Du gegen andere Menschen spielst. Du spielst nicht gegen die Karten, nicht gegen das Casino, sondern ICH spiele gegen DICH. Live-Poker ist das wahre Poker. Da sehe ich, ob ich gegen einen Arzt oder gegen einen Studenten spiele und ich muss mich jeweils anders verhalten. Deshalb fasziniert mich Poker so sehr. Nicht wegen der Karten, sondern wegen der Menschen.

Du bist nicht mehr wöchentlich auf Turnieren … genervt von den Pokermenschen?

Nein eher entnervt, wie die ganze Szene. Früher war es wie eine Party. Spielen lachen, trinken, reden.

Heute ist es ernsthafter. Was hat sich verändert?
Das Angebot. Es wird zu viel angeboten. Jeder will das Traumleben als Pro, aber es ist wie im klassischen Sport. In den Spitzensport schafft es vielleicht ein Promille. Im Poker glaubt halt jeder, der das Spiel halbwegs kann, dass er auf Dauer gewinnen kann. Dabei werden aber so etwas wie die Varianz und das Niveau völlig unterschätzt.

Was fehlt, dass Poker Dir wieder Spaß macht?

Ich will Dir ein Beispiel erzählen. Im Main Event saß links von mir ein sehr gepflegter Mann. Der ältere Herr wollte nur spielen – hat auch öfter vom Button gelimpt und hat fast jede Hand gespielt, solange bis er ausschied. Danach kaufte er sich noch mal ein. Er gab auch einen lustigen Tell. Immer wenn er etwas getroffen hatte, fing er zu pfeifen an. Das Niveau hier bei der CAPT ist ja sehr hoch. Aber manche Leute, so wie dieser Gentleman, stechen da heraus. Er hatte einfach Spaß am Spielen und das hat Charakter. Deswegen spielt man Poker, aus Spaß am Spiel. Sonst würde ich durchdrehen, wenn ich immer nur mit Leuten am Tisch sitzen würde, die kein Wort reden. Solche Männer fehlen heute im Poker. Früher gab es die überall.

Zwei Jahre nicht am Pokertisch, jetzt wieder aufgetaucht …

Ich war zwei Jahre lang Nationaltrainer der Slalommannschaft in Schweden. Am Ende war es super, aber trotzdem habe ich jetzt wegen dem kommenden Kind aufgehört. Sonst wäre ich 300 Tage im Jahr unterwegs. Und das ist mir zu anstrengend.

Und Poker, naja, zwei Jahre habe ich nicht live gespielt. Online spielte ich schon meine Cashgames und Sonntagsturniere. Ich liebe Poker einfach, es ist ein Teil meines Lebens. Allerdings war ich in letzter Zeit nicht sehr erfolgreich, was aber auch mit Disziplin zu tun hat. Aber Poker blieb ein Teil meines Alltags.

Und das wird es auch bleiben.

Ja, auf jeden Fall!