Liv Boeree: Ich war noch nie all-in

Giftige Spinnen und Schlangen fasst sie gerne an. Männer vermutlich auch, aber Heiraten ist tabu und Kinder stehen ebenfalls nicht auf ihrer To-do-List. Sorry Guys. Und nein: Das hier wird jetzt nichts für Gossip-Liebhaber. Sonst hätten wir uns nicht über Urknall-Gravitationswellen, Evolutionsweisheiten oder den sensiblen Unterschied zwischen Fremdimage und Selbstwahrnehmung unterhalten. Ein ganz privates Gespräch mit Model, TV-Präsentatorin, Naturfanatikerin, Astrophysik-Uni-Absolventin und Poker Star, Liv Boeree.

Von Christian Lenoble

PM:: Ich hab‘ gerade mit Deiner Mutter telefoniert und sie sagte mir, sie will nicht mehr mit Dir Scrabble spielen. Wieso?

Liv: Du hast mit meiner Mutter telefoniert?

PM:: Natürlich nicht, aber ich habe irgendwo dieses Zitat gelesen. Sie meinte: Du bist so ein Wettbewerbs-Typ, der immer gewinnen will – und dann auch zu oft gewinnt.

Liv: Stimmt schon, ich liebe den Wettbewerb. Und selbst bei den Dingen, die mich eigentlich nur entspannen – zum Beispiel wenn ich in der Natur bin – kommt der Ehrgeiz durch. Ich sehe einen schönen Baum und genieße. Aber ich will auch auf den verdammten Baumwipfel klettern und ganz oben stehen.

PM:: Du stehst also ständig im Wettbewerbsstress. Was willst Du denn beweisen? Und vor allem wem?

Liv: So dramatisch ist es wieder auch nicht. Klar, ich will in der Welt da draußen schon meine Frau stehen. Das ist auch normal, denke ich. Gehört zur Selbstfindung. Aber ich habe in den letzten Jahren gelernt, mich mehr zu entspannen. Engen Freunden und meiner Familie muss ich zum Beispiel nichts mehr beweisen. Da fühle ich mich angenommen. Meine Familie hat mir von Anfang an das Gefühl gegeben, dass ich so sein darf, wie ich bin. Ich durfte verrückt sein und ich habe das genossen. Ich wurde unterstützt in meiner Lust, „anders“ zu sein.

PM:: „Anders“ heißt was genau?

Liv: Nicht konformistisch, nicht linientreu. Ich gebe Dir ein Beispiel. Meine Freunde sagen manchmal: Was, Du bist 29 und noch nicht verheiratet und hast keine Kinder? Oh Gott. Meine Antwort: What the fuck? Ich will nicht heiraten, ich mag kein Stück Papier unterzeichnen, um eine Beziehung abzusegnen. Und bislang will ich auch keine Kinder. Ich spüre nicht diesen mütterlichen Instinkt. Ich glaube nicht, dass meine DNA so extraspeziell ist, dass ich sie um jeden Preis weitergeben muss. Und ich denke auch nicht, dass Reproduktion der Evolutionsweisheit letzter Schluss ist. Vielleicht sind wir eh schon genug auf Erden. Also bleib ich mir lieber treu und gehe meinen eigenen Weg.

PM:: Du pfeifst also auf das, was die anderen von Dir halten? Einfach Liv?

Liv: Schön wäre es. In Wahrheit bin ich wohl auch auf das Bild bedacht, das ich nach außen abgebe. Aber ich entdecke zunehmend die Lust, aus dem Zwinger der Fremdimages auszubrechen. Raus aus der öffentlichen Person, rein in Dich selbst. Das ist wohltuend befreiend.

PM:: Wenn man sich Deine Vita anschaut, ist das Projekt „Anders sein“ ja bislang bestens gelungen. Model, TV-Präsentatorin, Pokerlady, etc. Nicht gerade Nine-to-five-Jobs, wie sie das Gros der Menschen verfolgt. Und Du hast allen Ernstes Astrophysik studiert. Auch nicht 0-8-15.

Liv: Stimmt. Wobei mich jede dieser Tätigkeiten fasziniert hat. Es geht ja nicht darum, krampfhaft etwas „Anderes“ darzustellen, sondern darum, seinen Vorlieben und Talenten zu folgen.

liv boeree_PM_lenoPM:: Apropos Astrophysik. Vor ein paar Tagen ging die Nachricht um die Welt, dass Astronomen eine sensationelle Entdeckung gemacht haben. Mit dem Teleskop „Bicep2“ am Südpol wurden Gravitationswellen detektiert, die erstmals einen direkten Beleg für das blitzartige Ausdehnen des Universums unmittelbar nach dem Urknall liefern. Wusstest Du das?

Liv: Die Meldung ist auf meiner Homepage gepostet. Astrophysik und Kosmologie, total mein Gebiet. Ich habe ja an der Universität von Manchester zum Thema Gravitationswellen dissertiert. Diese Entdeckung, dieser Blick in die Urzeiten, ist unglaublich spannend.

PM:: Stichwort Natur. Ganz ein wichtiges Thema für Dich, oder?

Liv: Oh ja, absolut. Ich bin ein Naturfreak. Ich liebe Pflanzen, Berge, Seen. Und ich liebe Hunde, Pferde und eigentlich alle Arten von Kreaturen der Schöpfung. Auch giftige Spinnen oder Schlangen. Ich habe da keine Berührungsängste und fasse die komischen Viecher gerne an. Der Schutz der Natur ist mir enorm wichtig. Ich kann zum Beispiel einfach nicht verstehen, warum wir mit der Anwendung alternativer Energiequellen noch nicht weiter fortgeschritten sind. Das nervt unglaublich. Sollte es nicht jedem ein Anliegen sein, unsere Umwelt gesund zu erhalten?

PM:: … sagt sie und fliegt mit den Kerosinschleudern, auch Flugzeuge genannt, rund um die Welt …

Liv: Ertappt. Na ja eigentlich nicht ganz. Die Welt ist nun mal widersprüchlich und ich bin es auch. Ich denke, man kann ab und an, wenn es sich nicht oder nur schwer vermeiden lässt, ein Flugzeug nehmen und trotzdem für die Rechte von Natur und Tieren eintreten. Alles eine Frage der richtigen Balance.

PM:: Okay Liv, fassen wir mal zusammen. Du hast Hirn, bist schön und äußerst erfolgreich. Was für eine Kombination. Siehst Du Dich als Role Model?

Liv: Warum nicht, ist ja nichts Böses dabei. Wenn ich als Vorbild dienen und insbesondere Frauen Mut machen kann, ihre Ziele zu verfolgen und zu erreichen, dann soll mir das recht sein.

PM:: Wir haben jetzt kein Wort über Pokern geredet. Wunderbar. Wäre im Vergleich auch schrecklich langweilig gewesen. Jetzt kommen aber doch noch ein paar Pokerbegriffe auf Dich zu. Allerdings nur als Metapher. Ich werf‘ sie Dir an den Kopf und Du antwortest bitte spontan, was Dir dazu – immer in Bezug auf Dein Leben abseits der Tische – in den Sinn kommt. Ready für den Word-Rap?

Liv: Go.

PM:: Aggressive
Liv: Ein großer Hund, der einen kleinen attackiert.
PM:: Bad Beat
Liv: Die Person meiner Träume treffen – und sie ist verheiratet.
PM:: Bluff
Liv: Einen Autoverkäufer bluffe ich gerne. Bei Familie und Freunden versuch‘ ich das zu vermeiden.
PM:: Bubble
Liv: In der letzten Auswahl für eine TV-Show gewesen und dann doch nicht genommen worden zu sein. It sucked.
PM:: All-in
Liv: Bungee Jumping. Warte. Nein, da fühlte ich mich nicht All-in. Wenn’s also darum geht, sein Leben für eine Sache auf‘s Spiel zu setzen, dann war ich wahrscheinlich noch nie im Leben All-in. Da fehlt mir womöglich der Mut.

PM:: Jetzt sollte das Gespräch eigentlich zu Ende sein. Aber Du hast mir mit dem Stichwort Mut die Rutsche gelegt, um den Gesprächskreis zu schließen. Es geht also wieder um das „Telefonat“ mit Deiner Mutter. Sie sagte: Du bist keine Gamblerin! Stimmt das?

Liv: Stimmt, zumindest nicht im Vergleich zu anderen Verrückten aus der Pokerwelt. Aber lass‘ es mich so formulieren: Ich bette niemals, wenn ich nicht weiß, dass ich eine Edge habe.

PM:: Dann danke ich für das Gespräch. Und liebe Grüße an die Frau Mama.

Liv: Richte ich aus. Danke!

INFOKASTEN zu OLIVIA „LIV“ BOEREE:
– Geboren 1984 in Kent, England
– Studium der Astrophysik mit Auszeichnung an der University of Manchester, Dissertationsthema: Gravitationswellen
– Karriere als Model und TV-Präsentatorin
– Gewann als Pokerspielerin die EPT San Remo, Preisgeld 1,25 Millionen Euro. Gehört seit September 2010 dem Pokerstars Pro Team an. Live Tournament Earnings laut Hendon Mob: ca. 2,5 Millionen Dollar
– Homepage: http://livboeree.com/