Marcel Luske: Die erste Schlacht ist immer die beste.

Jeder weiß es: Marcel Luske ist ein perfekter Gentleman der alten Schule. Kaum einer weiß hingegen, dass der Mann mit den tadellosen Manieren Sohn eines Boxers und selbst ein ausgebildeter Karatekämpfer ist. Was also jeder wissen sollte: Wann wird der grundsätzlich friedfertige Marcel eigentlich so richtig böse?

Von Christian Lenoble

Der Anzug sitzt wie immer perfekt, das Stecktuch harmoniert farblich wunderbar. Marcel Luske ist punkto Kleidung und Auftreten ein Sir. Kein Wunder, dass es im Gespräch um Gerechtigkeit, Fairness und Lebensschule geht. Und darum, aufmerksam zuzuhören, wenn einer viel redet und dabei noch mehr zu sagen hat.

PM: Marcel, muss man Angst vor Dir haben?

ML: Wie bitte?

PM: Naja, ich hab gelesen, dass Du den schwarzen Gürtel in Karate hast, erster Dan. Und dass Dein Vater ein harter Boxer war.

ML: Stimmt. Mein Vater hat mir gezeigt, wie man zuschlagen muss und worauf man zu achten hat, um sich dabei nicht selbst zu verletzen. Und ich habe tatsächlich intensiv Karate gemacht. Ab dem Alter von 21, rund 12 Jahre lang, vier bis fünf Mal die Woche, volles Programm.

PM: Man sollte sich also zwei Mal überlegen, bevor man Dich dumm von der Seite anspricht?

ML: Ach. Karate war für mich in erster Linie ein exzellentes Fitnessprogramm und natürlich auch ein Weg, um Selbstverteidigung zu lernen. Außerdem geht es dabei um Wachsamkeit und die Schärfung der Sinne. Ich habe gelernt, gefährliche Situationen rechtzeitig zu erkennen, um besser darauf reagieren zu können.

PM: Und hast Du Deine Kampfeskünste bereits anwenden müssen?

ML: Ich wurde zwei oder drei Mal in meinem Leben körperlich attackiert. Sagen wir, ich konnte mich verteidigen. Karate hat mir außerdem eine innere Ausgeglichenheit gebracht. Ich weiß, dass ich mich im Fall des Falles nicht fürchten muss. Wenn sich jemand mir gegenüber besonders aggressiv verhält, erzeugt das in mir ein inneres Lachen. Weil meinem Gegenüber die konzentrierte Ruhe fehlt. Die Leute, die schon vorher die Zähne fletschen und eine böse Grimasse ziehen, sind klar im Nachteil. Die machen mir keine Angst.

PM: Apropos böse. Du giltst am, aber auch abseits vom Pokertisch als besonders friedfertig und freundlich. Da würde mich interessieren, was eigentlich passieren muss, damit Du auch mal richtig wütend wirst.

ML: Was mich wirklich böse macht, ist Ungerechtigkeit.

PM: Und dann schlägst Du erbarmungslos zu?

ML: Physisch? Nein. Aber ich setze mich energisch zur Wehr. Ich gebe Dir ein Beispiel von Ungerechtigkeit, die mir zuletzt widerfahren ist. Ich moderiere gemeinsam mit Noah Boeken Pokershows im niederländischen Fernsehen. Der Fernsehproduzent dachte, er könnte uns finanziell betrügen. Das lasse ich mir nicht gefallen. Ich habe mit einem Anwalt lange um mein Recht gekämpft, war aber schließlich mit meinem eigenen Rechtsberater und seiner Arbeit unzufrieden. Inzwischen habe ich auch meinen Anwalt verklagt und es sind also zwei Gerichtsprozesse im Gange. Wer glaubt, er könne mir auf der Nase herumtanzen, der irrt sich.

PM: Gilt das auch am Pokertisch, etwa dann, wenn Vertreter der jungen, wilden Garde Dich mit ihrem Spiel aggressiv unter Druck setzen? Wie wehrst Du Dich dagegen?

ML: Junge Spieler – und im Vergleich zu meinen 61 Jahren sind das fast alle meine Gegner – können schon sehr anstrengend sein. Ständiges Betten und Raisen, das ist ja wie Erpressung. Ich lehne mich in solchen Situationen gerne zurück, spiele den Ins-Eck-Gedrängten, nehme mir Zeit – und schlage unerwartet zurück. Mich amüsiert es, wenn sich jemand überlegen fühlt und nicht darauf gefasst ist, wenn das vermeintliche „Opfer“ Stärke zeigt. Da habe ich schon komische, verdutzte Gesichtsausdrücke gesehen. Am liebsten setze ich dieses Mittel gleich zu Beginn einer spielerischen Konfrontation ein. Wenn jemand denkt, er könnte mich einschüchtern. Die erste Schlacht ist immer die beste!

PM: Zurück zur Ungerechtigkeit, die Dich böse macht. Da gibt es in der Welt des Pokerns ja genügend Anlässe.

ML: Absolut, und wir sprechen hier nicht von Bad Beats am Tisch. Was mich aufregt ist, wenn Casinos nur an volle Boxen denken und die Rake maßlos in die Höhe treiben. Oder wenn zum Beispiel betrunkene Spieler als Cashcows benutzt werden, anstatt sie freundlich darauf hinzuweisen, dass jetzt besser Schluss ist, weil sie sonst auch noch den letzten Rest ihres Geldes verlieren. Wo bleibt da Moral und Anstand?

PM: Unfair findest Du auch, wenn lokale Spieler in ihren Städten und Casinos Standortvorteile genießen. Wie ich weiß, bist Du bei diesem Thema seit Jahren sehr engagiert.

1378680_10200758654548575_1831140820_nML: Es kann doch nicht sein, dass an jedem Ort andere Pokerregeln gelten. Da braucht es dringend eine Vereinheitlichung. Also habe ich das Konzept FIDPA und die International Poker Rules („IP Rules“) aus der Taufe gehoben. Ziel ist es, einen gerechten und einheitlichen Satz von Regeln zur Verfügung zu stellen. Inzwischen bin ich mit dem von mir gegründeten Unternehmen, Global Poker Support International, einen Schritt weiter gegangen. Kürzlich wurde ein Kooperationsvertrag mit Bilcare Technologies, ein Technologie-Unternehmen im Bereich der Herstellung von Anti-Fälschungs-, Sicherheits-und Markenschutzlösungen, unterzeichnet. Wir haben gemeinsam eine Mannschaft zusammengestellt, die an der Schaffung von innovativen und sicheren Registrierungssystemen für Poker und andere Gaming-Events arbeitet. Künftig sollen Registrierung und Identitätsfeststellung der Spieler am Tisch einfacher und schneller funktionieren. Außerdem wird auch der Fälschung oder dem Diebstahl von Chips ein Riegel vorgeschoben. Insgesamt wird das mehr Sicherheit für Spieler und Organisatoren von Gaming-Events bringen.

PM: Warum treibst Du diesen Aufwand?

ML: Wir dürfen nicht vergessen, dass die neue Spielergeneration die Poker-Industrie und somit auch uns alte Poker-Pros bezahlt und am Leben erhält. Es ist nur fair, wenn die Jungen auch beste und sichere Startbedingungen in diesem milliardenschweren Business erhalten. Das ist eine meiner Grundmotivationen.

PM: Immer der Gentleman, für den Geben seliger als Nehmen ist. Woher kommt das?

ML: Ich hatte mal ein prägendes persönliches Erlebnis, als ich mit rund 30 Jahren in Amsterdam auf der Straße gesessen bin. Ich war komplett broke, hatte noch genau 25 Gulden in der Hosentasche und jede Menge Selbstmitleid. Und dann sah ich einen alten, offenbar obdachlosen Mann neben mir, mit dreckigen, zerrissenen Hosen, Schuhe ohne Sohlen, ungewaschenen, zerzausten Haaren, usw. Das hat mich wachgerüttelt. Ich gab ihm meine letzten 25 Gulden und ging zu Fuß nach Hause. Verkehrsmittel konnte ich mir ja keines mehr leisten. Seitdem ist mir klar, dass es immer Leute gibt, denen es noch schlechter geht. Egal auf welchem Niveau. Und dass es für sie – aber auch für dich selbst – gut ist, wenn du ihnen hilfst.

PM: Dann danke ich für Deine Nach-Hilfe in Sachen Lebensschule und Fairness.

ML: Gerne. Und wir sollten mal auf einen Café gehen. Es gibt noch so viel zu erzählen.

INFOKASTEN zu MARCEL LUSKE:
– Geboren 1953 in Amsterdam, Niederlande
– Verheiratet, zwei Kinder
– Hängte mit 50 Jahren seine Karriere als Kaufmann an den Nagel und wurde Poker-Profispieler
– Die holländische Nummer Eins der All Time Money List gewann bei Live-Turnieren knapp 4,4 Millionen Dollar
– Mitbegründer der Federation International de Poker Association (FIDPA) und der weltweit angewandten International Poker Rules sowie Begründer des Unternehmens Global Poker Support International
– Homepage: http://www.marcelluske.com/