Max Senft im Interview: November Nein

Einen verdammten Coinflip war Maximilian Senft davon entfernt, sich in die gehypteste Liste des Pokerbusiness einzutragen. In Aussicht standen die November Nine, Ruhm und Ehre, die Option auf Sponsorverträge und ein paar Millionen Dollar, die das Leben nachhaltig verändern können. Es sollte nicht sein. Und es gibt jemanden, der gut damit leben kann.

Christian Lenoble

Gerade noch auf der grellen Showbühne von Las Vegas, jetzt beim Perser in der Nähe des Wiener Naschmarkts. Treffen mit Maximilian Senft. Einer, der kein soziales Update in Betracht zieht, nur weil ihm vor ein paar Tagen ein hoher sechsstelliger Geldbetrag auf’s Konto überwiesen wurde.

PM: Max, wie oft musstest Du Deinen Flug von Vegas nach Wien verschieben und umbuchen?

MS: Zwei Mal.

PM: Hat sich ja gelohnt. Dein Auftritt im fernen Amerika war sogar zwei heimischen Tageszeitungen einen Artikel Wert.

MS: Wobei ich in einer Zeitung zitiert wurde, ohne dass mich der Redakteur je kontaktiert hätte.

PM: Diese Journalisten. Aber hey, hier ist Dein Forum, um Dein WSOP Main Event Abenteuer in eigene Worte zu fassen. Ehre, wem Ehre gebührt. Schließlich warst Du in diesem Jahr nicht nur der beste DACH-Spieler, sondern überhaupt der erste Österreicher in der Geschichte, der so laut und deutlich an die November-Nine-Tür geklopft hat. Und jetzt wollen wir es wissen: Was hat Dich dabei bewegt? Wie hat es sich angefühlt? Was machen Kopf, Bauch und Puls, wenn man kurz davor steht, einen life-changing Erfolg einzufahren? Und wie geht’s einem, wenn man dabei im letzten Augenblick scheitert?

MS: Der Reihe nach. Die ersten zwei Tage verliefen noch recht normal und eher unaufgeregt. Der Main Event hat sich zunächst nicht so spektakulär angefühlt, wie ich es von früher selbst konsumierten Fernsehbildern her erwartet hätte. Genossen habe ich es dennoch, von Anfang an. Ich gehe allgemein mit besonderen Situationen gerne möglichst bewusst um. Mich für einen Augenblick zurücklehnen, kurz die Augen schließen und den Moment inhalieren. Ab Tag 3 oder 4 veränderte sich die Situation ein wenig. Dieses tägliche Wiederkommen und die ähnlichen Tagesabläufe erzeugen eine spezielle Stimmung. Man taucht langsam aber sicher in den Main Event Tunnel ein. Pokern, schlafen, pokern, schlafen. Da tut von Zeit zu Zeit ein wenig Abstand gut. Etwas früher aufstehen, ein Kaffee bei Starbucks …

PM: Wann ist Dir zum ersten Mal klar geworden, dass in dieser Woche etwas Besonderes passieren könnte? Wann hast Du Dich zum ersten Mal schlaflos im Bett gewälzt?

MS: Das muss die Nacht nach Spieltag 5 gewesen sein. Da kamen die ersten seltsamen Gedanken auf.

PM: Seltsam?

MS: Zum ersten Mal ließ sich der Kopf nicht mehr kontrollieren und die November Nine begannen in meinem Gehirn zu arbeiten. Es waren aber keine euphorischen, sondern eher kritische Gedanken. Ich hab mich gefragt, ob ich das überhaupt will.

PM: Ob Du das überhaupt willst?? Sprechen wir nicht gerade vom absoluten Traum nahezu jedes Pokerspielers?

MS: Was das Geld betrifft, vielleicht. Aber ich lag da im Bett und dachte darüber nach, dass ich mit meinem Leben zufrieden bin. Und dass ich den Trubel rund um das, was eventuell passieren könnte, möglicherweise gar nicht mag.

PM: Deine „wirren“ Bettgedanken in allen Ehren. Aber lass uns zu den Tischen zurückkehren. Rechts und links hallen die „Seat Open“ Rufe durch den Raum, das Feld lichtet sich und der „kleine“ Österreicher Maximilian sitzt immer noch da.

MS: Tag 6 war tatsächlich erstmals völlig anders als die Tage zuvor. Journalisten beginnen sich für Dich zu interessieren, Du bist immer wieder mal an einem Feature Table. Als ich dann unter den letzten 50 war, fühlte sich die ganze Geschichte endlich so an, wie ich es mir im besten Fall ausgemalt hatte.

_H9A7991PM: Da hat sich wohl die Vorstellung des ganz großen Coups in Deinem Kopf eingenistet. Hat Dich das beeindruckt, beflügelt, gelähmt?

MS: Weder noch. Ich war niemals November-Nine-scared. Ich fokussierte vor allem auf mein Spiel. Was auch daran lag, dass ich quasi den ganzen sechsten Spieltag mit einem Stack von 10 bis 20 Big Blinds short zu kämpfen hatte. Ich war geistig eher darauf vorbereitet, bei nächster Gelegenheit zu busten, als den großen Coup zu landen. Hat sicherlich etwas mit der Erfahrung der unzähligen Online-Turniere zu tun, bei denen man deep kommt und dann doch die Segel streicht, bevor es wirklich zählt. Ich hatte keine Angst auszuscheiden, war in den entscheidenden Situationen entspannt. Ich glaube, ich war vier Mal für‘s Turnierleben all-in. Ich kann mich nicht erinnern, dabei besonders nervös gewesen zu sein. Ich dachte mir: Fliegst du jetzt aus dem Turnier raus, fliegst du mit einem Plus aus Vegas heim. Passt.

PM: Und dann kam Flip Nummer Fünf. Noch elf Spieler. KQ suited von Maximilian Senft gegen ein Paar Dreien von Marc Newhouse. Ein Coinflip, ein One-Timer, der sich ausnahmsweise diese Bezeichnung verdient. Ein statistischer Münzwurf für Sponsorverträge, weltweiten Ruhm und Ehre und möglicherweise ein paar Millionen Dollar. Immer noch entspannt gewesen?

MS: Das war der erste Flip, den ich unbedingt gewinnen wollte. Jetzt ging es halt wirklich um die November Nine.

PM: Ironie des Schicksals. Woran erinnerst Du Dich rund um diesen Augenblick? Wie waren die ominösen letzten Minuten?

MS: Es war eine komische Situation. Ein Blitz aus recht heiterem Himmel. Kurzfristig hatte ich mich am Tag 7 endlich wieder auf 40 bis 50 BB aufgebaut. Nach dem letzten Dinner-Break ging es allerdings zurück auf 10 bis 14 BB. Bei der vorletzten Hand konnte ich mit einem 3-Bet-Shove ein paar BB einsammeln. Und ich war noch am Sortieren meiner Chips, als Mark Newhouse opened und ich in meine KQ suited blicke. Ein Standard-Shove gegen so einen aggressiven Spieler. Mein Stack wanderte ohne großes Grübeln in die Mitte und Newhouse callte ebenso prompt. Hat mich nicht geschockt. Eigentlich war ich erstmals im Turnier zuversichtlich, den Flip zu gewinnen. Und dann ging es rasend schnell. Newhouse hittet am Flop sein Set. Am Turn bin ich drawing dead. Es ist vorbei. Nicht mal Zeit für einen Sweat.

PM: Leere, Wut, Ohnmacht, Missgunst, Trauer, Tränen?

MS: Eigentlich hab ich im Moment selbst nichts Besonderes gefühlt.

PM: Ice Man?

MS: Die Enttäuschung kam später. Ein bis zwei Stunden lang. Am nächsten Tag war alles bereits gut verkraftet und verdaut. Ich hab mich gefreut über die Glückwünsche meiner Freunde und meiner Familie. Und nachträglich über kleine Erlebnisse. Wie zum Beispiel die witzige Begegnung mit einem rund 45-jährigen Bulgaren, klein, etwas untersetzt, Glatze. Den lernte ich ein paar Tage zuvor bei einem anderen Turnier kennen. Marke Freizeitspieler. Er sagte mir zum Spaß, dass ich den Main Event gewinnen werde – und war dann tatsächlich während der letzten Turniertage mein treuester „Go Max!“-Railbird.

PM: Und die 565.193 Dollar haben Dir wohl auch ein wenig Trost gespendet.

MS: Keine Frage. Das ist schon unglaublich viel Geld. Ein paar Tage nach meiner Rückkehr nach Wien habe ich online meinen Kontostand abgerufen. Ich gebe zu, die sechsstellige Summe war ein ziemlicher Flash.

PM: Möchtest Du verraten, wie viel davon tatsächlich Dir gehört?

MS: Ich selbst hätte kein Problem damit, Zahlen zu nennen. Aber ich weiß nicht, ob das auch für meine Backer gilt. Sagen wir mal so: Ich habe in Bezug auf das Buy-in eine vernünftige Bankrollmanagement-Entscheidung getroffen. Und am Ende haben sich ein paar Leute mit mir mitgefreut.

PM: Wie wirst Du mit dem Geld umgehen?

MS: Eher konservativ. Ich richte mir gerade meine Wohnung ein. Vielleicht werden ein paar Möbelstücke etwas schöner als geplant.

PM: Gar nichts Spektakuläres? Keine Anschaffung, die den besonderen Anlass würdigt? Vielleicht ein Cabrio?

MS: Ich fahre einen VW Eos Cabrio. Das reicht. Auch wenn manche Freunde witzeln, ich könnte mir doch endlich ein Männer-Auto zulegen.

PM: Na dann wenigstens eine sündteure Uhr. Wie wäre es mit einer Rolex?

MS: Danke nein. Nichts für mich. Aber ich mag schöne Uhren tatsächlich. Und jetzt wird es vielleicht eine Junghans um rund 1000 Euro. Die möchte ich schon sehr lange haben. Mal sehen, ob ich mir dieses Geschenk leisten werde.

PM: Klingt nicht so, als würdest Du demnächst die Sau rauslassen.

MS: Ich werde das Geld jedenfalls nicht für einen Upgrade des Sozialstatus verwenden. Ich bin einfach froh, etwas in der Hinterhand zu haben und jetzt gechillt studieren zu können.

PM: Andere geben in Deiner Situation ihr Studium/ihren Job auf und glauben felsenfest daran, die Pokerwelt als Profi im Sturm zu erobern.

MS: Es tut gut, das Ganze etwas realistischer zu betrachten. Ich bin ja nicht plötzlich der elftbeste Spieler der Welt. Ich schätze, dass alleine beim Main Event zumindest 300 Leute gespielt haben, die mir pokertechnisch überlegen waren. Jeder, der sich mit Pokern beschäftigt, sollte so einen Erfolg richtig einordnen können. Ich habe ganz gut gespielt und ich hatte vor allem einen hervorragenden Lauf. Nicht mehr, nicht weniger.

PM: Du bist 24 Jahre alt und klingst abgeklärt wie ein alter Hase. Ich frage mich gerade, ob ich Dich für Deine Einstellung bewundern oder für eine gewisse mangelnde Leidenschaft bedauern soll.

MS: Leidenschaft ist ein gutes Stichwort. Ein Thema, das mich beschäftigt. Ich habe mit 16 Jahren in Freundesrunden mit dem Pokern begonnen. Vor rund dreieinhalb Jahren nahm ich mir einen Pokerstrategy-Coach, speziell für das Heads-Up Game, und beschäftigte mich ernsthafter mit dem Spiel. Anfangs war eine große Leidenschaft da, die aber mit der Zeit etwas verflogen ist. Speziell das Online-Grinden ist einsam, nervenzehrend und immer wieder eine mentale Belastung. Live-Turniere, vor allem die WPT-, EPT- oder GCOP-Serien, machen hingegen nach wie vor viel Spaß. Aber auch da bringe ich offensichtlich nicht die gleiche Leidenschaft auf wie einige andere, die sich dem Pokern mit Haut und Haaren widmen. Anstatt nach jedem Spieltag noch stundenlang Hände zu analysieren, treffe ich lieber Freunde, gehe gut essen und genieße die Eindrücke auf meinen Reisen.

PM: Pokern allein ist Dir offensichtlich nicht genug.

MS: Nach dem Abschluss eines Wirtschaftsbachelors im Jänner 2013 habe ich mir eineinhalb Jahre Auszeit genommen – um in der Folge genau die von Dir angesprochene Erfahrung zu machen. Der Poker-Lifestyle macht Spaß, aber er erfüllt mich nicht. Pokern eröffnet mir erfreuliche finanzielle Freiheiten, aber Geld allein macht nicht glücklich. Spätestens mit 30 soll mit ernsthaftem Poker Schluss sein. Auch wenn ich die Karten vermutlich nie ganz aus der Hand legen werde.

PM: Also zurück zu den Wurzeln des Homegames in kleiner Freundesrunde.

MS: Kann gut sein.

PM: Und wie bereitest Du Dich auf das lange Leben nach dem 35. Geburtstag vor?

MS: Ich interessiere mich für wirtschaftliche, juristische und psychologische Zusammenhänge. Vor zwei Jahren habe ich mit Freunden eine Investment Holding gegründet, die in Start-ups investiert. Da bin ich allerdings nur noch einfacher Gesellschafter. Fix geplant ist jetzt, einen zweiten Bachelor zu machen. Es wird ein Fachhochschul-Studium zu Film-, TV- und Medienproduktion. Wobei mein Fokus weniger auf dem künstlerischen und mehr auf dem Management-Bereich liegt. Erklärtes Wunschziel: Filmproduzent.

PM: Wir sehen Dich also mit 75 nicht auf Doyle Brunson Krücken ins Main Event spazieren, aber wir dürfen irgendwann auf Rounders 3 von Maximilian Senft hoffen?

MS: Wenn Hollywood ruft. Nein, im Ernst – ein Film über Poker wäre natürlich hochinteressant. Und besonders reizvoll fände ich es, die Welt des Pokerns so darzustellen, wie sie wirklich ist. Denn die von der Industrie inszenierten Bilder, die einem suggerieren, dass jeder steinreich werden kann, stimmen genauso wenig wie die überzogenen Klischees von der Hinterhof- und Kellerzimmer-Welt.

PM: Dann verfilme doch mal die Story von einem kleinen unbekannten Österreicher, der um Haaresbreite daran gescheitert ist, in die totale Poker-Glitzerwelt einzutauchen. Und der darüber nicht mal sonderlich traurig ist.

MS: Gute Idee. Mal schauen. Klingt jedenfalls spannend.