Sofia Lövgren: I am sailing … to be free

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Wer mit zwei Dollar Bankroll startet, um seine ersten gewonnenen 4000 Dollar betrogen wird und dennoch eine erfolgreiche Pokerkarriere hinlegt, ohne jemals broke zu gehen – der hat sich die Nominierung für den PokerListings Award, Kategorie Young Guns, redlich verdient.

Christian Lenoble

Die Rede ist von Sofia Lövgren. 24 Jahre alt, Schwedin, unbekümmert, freundlich – und zweifellos hoch attraktiv. „Männliche“ Gedanken dahin gehend, ob es eine reine Fotostrecke nicht auch getan hätte, verflüchtigen sich im Interview. Ein Gespräch über Aussehen und Persönlichkeit, Zlatan und Charlie Hebdo , gute Taten in bösen Welten, den Segen einer intakten Familie – und praktische Handys im Kühlschrank.

PM: Sofia, Du wurdest 2013 für den PokerListings Award nominiert, als eine der weltweit vielversprechendsten “Young Guns”. Ich beginne Interviews ja nur ungern mit Pokergeschichten. Aber ich denke, Deine bemerkenswerte Story rechtfertigt eine Ausnahme von der Regel. Erzähl uns doch bitte, wie man sich mit zwei Dollar Anfangskapital eine Karriere bastelt.

Sofia: Ich war etwa 16 Jahre alt und mein Bruder verführte mich eines Tages an einen Online-Poker-Tisch. Ich gewann schnell ein paar 30-Cent-Preisgeld Freeroll-Turniere. Und als ich zwei Dollar zusammen hatte, begann ich, die kleinsten Micro-Level Cash Games zu spielen. Ich habe mich augenblicklich in das Spiel und die Aufregung des Gewinnens verliebt. Als ich begriff, dass man damit auch Geld verdienen kann, wollte ich immer mehr Poker spielen, vor allem an den Abenden in meiner Highschoolzeit. Mein erstes Ziel: eine kleine Bankroll aufbauen. Nach eineinhalb Jahren waren es 4000 Dollar. Ich gewann stetig. Bis zu jenem schwarzen Tag im Jahr 2008, als meine Onlineseite aufgrund eines Betrugsskandals die Pforten schloss. Ich habe alles verloren. Bis auf 50 Dollar, die auf einer anderen Seite geparkt waren. Ich erinnere mich gut daran, wie verzweifelt ich war.

PM: Verzweifelt, aber anscheinend ohne Zweifel, dass es weitergeht.

Sofia: Stimmt. Mit 18 investierte ich meine letzten 50 Dollar und startete neu durch. Mit striktem, diszipliniertem Bankroll-Management und viel Zeitinvestment kletterte ich langsam die Limits hinauf. Ein Jahr später war ich immerhin auf 60.000 Dollar. Und als ich mir eine knapp sechsstellige Bankroll erarbeitet hatte, fasste ich den Entschluss, mich ganzzeitig dem Pokern zu widmen.

PM: Mittlerweile bist Du 24 und auch in der Live-Szene eine fixe Größe. Vier Cashes bei WSOP-Turnieren, gute Ergebnisse bei den Irish Open, dem EPT San Remo Main Event oder dem EPT London High Roller schlagen sich auf HendonMob mit stattlichen 160.000 Dollar Gewinn zu Buche.

Sofia: Ja, wobei der Schwerpunkt auch heute noch auf Cash Game liegt. Das ist mein Brot und zugleich die Butter drauf.

PM: Ok, soweit fürs Erste zum Pokern. Jetzt wollen wir etwas über Sofia, das schwedische Mädel, erfahren.

Sofia: Ich bin in Göteborg, der zweitgrößten Stadt Schwedens, geboren und an einem sehr idyllischen Platz aufgewachsen. Gemeinsam mit meinen Eltern, einer älteren Schwester und zwei Brüdern. Wir haben in einem wunderbaren Haus nahe dem Meer gewohnt. Ich war immer sehr an Sport und Wettbewerb interessiert. Meine Geschwister haben mir viele Sportarten nähergebracht. Am Anfang stand der Fußball. Da war ich sieben Jahre alt. Mit zehn spielte ich einer Mädchenmannschaft. Außerdem habe ich Golf und Tischtennis gespielt, war Mittelstreckenläuferin und bin auch schon in jüngsten Jahren viel Ski gefahren, weil wir in Geilo, Norwegen, ein Winterhaus hatten. Zu den größten Leidenschaften in meiner Familie zählt aber das Segeln. Ich habe von klein auf jeden Sommer am wunderschönen schwedischen Archipel verbracht und bin in einem Segelklub in der Optimist-Dinghy Bootsklasse gesegelt.

PM: Du hast mit Fußball begonnen. Da muss ich natürlich nachhaken. Man kann unmöglich über Schweden und Fußball reden, ohne Zlatan Ibrahimovic zu erwähnen. Ist Dir der Begriff „zlatanieren“ geläufig, der 2012 von der schwedischen Sprachakademie als neuer Ausdruck in den schwedischen Duden aufgenommen wurde?

Sofia: Natürlich. Das bedeutet so viel wie „stark dominieren“. Oder um es mit einem Pokerterm zu sagen: crushen. Es ist schon lustig. Wenn man jemanden fragt, was er mit Schweden assoziiert, dann kommen immer die gleichen Antworten: Ikea, blonde Mädchen – und Zlatan.

PM: Was weißt Du sonst noch über Euren recht unkonventionellen Sporthelden?

Sofia: Etwa, dass er kürzlich mit seinem 50sten Tor für die Nationalmannschaft wieder einmal einen Rekord für die Ewigkeit aufgestellt hat. Aber auch, dass er in Rosengård, einem Ortsteil von Malmö, aufgewachsen ist, und dass Rosengård als eine der gefährlichsten und kriminellsten Gegenden Schwedens gilt. Manchmal kehrt er dorthin zurück, weil er seine Wurzeln nicht zu vergessen scheint. Und er hat hier Geld investiert, um ein großes Fußballstadion zu bauen. Das rechnen ihm die Schweden hoch an. Er ist zu einem absoluten Rolemodel für viele junge Leute in unserem Land geworden. Er steht als Symbol dafür, dass man selbst mit einem schwierigen Background Großes erreichen kann, wenn man nur genug Energie einsetzt und sich einer Sache mit Haut und Haar verpflichtet.

PM: Sich einer Leidenschaft oder einer Überzeugung mit Haut und langem Haar zu verschreiben, das trifft ja auch auf Dich zu. Dazu braucht es nicht unbedingt ein schwieriges Umfeld.

Sofia: Positive Verbindlichkeit hat generell etwas mit Bewusstseinsbildung zu tun. Mir ist zum Beispiel sehr bewusst, wie viel Glück es bedeutet, in einem Land wie Schweden – wenn es nicht gerade in Rosengård ist – aufzuwachsen. An einem Ort mit hoher Lebensqualität, wohl ähnlich wie in Österreich. Ich bin dankbar dafür und versuche einfach, ein guter Mensch zu sein. Dazu gehört es, sich um Menschen in meinem Umfeld zu kümmern. Jene, die mir nahe stehen und die ich lieb habe, aber auch jene, die ich nicht persönlich kenne und die Hilfe brauchen. Ich kann vielleicht nichts Großartiges bewirken, aber ich bemühe mich, jeden Tag etwas Gutes zu tun. Ein schwedischer Lehrer hat mir einmal gesagt, dass man dabei glücklicher wird und auch selbst an Energie gewinnt. Das klingt alles ein wenig naiv. Aber ich bin fest überzeugt, dass alle wichtigen Veränderungen davon ausgehen, was man im Hier und Jetzt macht.

PM: Im Hier und Jetzt wird im Namen irgendwelcher Veränderungen auch tagtäglich Schreckliches gemacht. Erschüttern Dich Ereignisse wie jüngst in Paris in Deinem Glauben an das Gute?

Sofia: Natürlich war ich im Fall von Charlie Hebdo schockiert. Ich halte das Recht auf freie Meinungsäußerung für extrem wichtig und bewundere Menschen, die dafür eintreten oder sogar bereit sind, für diese Werte zu sterben. Ich glaube, ich bin leider nicht mutig genug, um in dieser Welt mit ihren zahlreichen dunklen Kräften selbst eine Heldin zu sein. Aber ich denke zugleich, dass jeder seinen Weg finden kann, auf seine Art für das, woran er glaubt, einzustehen und zu kämpfen.

PM: Lass uns wieder in ruhigere Gewässer des Lebens zurückkehren. Du hast das Segeln als eine Deiner größten Leidenschaften angesprochen. Du gehst selbst heute noch regelmäßig mit Deinen Eltern auf Segeltour. Familienurlaub mit 24 Jahren. Klingt ungewöhnlich.

WPT_MainEvent_13-03-2015_Sofia_LoevgrenSofia: Meine Eltern sind sehr aktiv und stets damit beschäftigt, Projekte zu entwerfen, Partys zu feiern, Dinners zu organisieren usw. Sie sind beide 55 Jahre alt, aber sehr jugendlich geblieben. Mein Vater hat vor ein paar Tagen einen Gesundheits- und Fitnesstest gemacht und dabei Resultate erzielt, die ihm Werte eines 30- bis 35-Jährigen bescheinigen. Und bei meiner Mutter fragen mich Leute manchmal, ob sie meine Schwester ist. Es macht mir einfach Spaß, Zeit mit ihnen zu verbringen. Und das geschieht vor allem beim Segeln, weil die ganze Familie diese Freizeitaktivität liebt. Meine Eltern segeln durchschnittlich fünf bis sechs Wochen pro Jahr. Letztes Jahr waren sie zum Beispiel in Spanien, der Dominikanischen Republik und zwei Mal in Malta, um mich zu besuchen. Unser Familienzusammenhalt ist groß. Das gilt auch für meine Geschwister und meine Großeltern. Wir genießen die gemeinsamen Momente. Und auch wenn ich es liebe, mit meinem Freund Luca zu sein, zu reisen, Partys zu feiern und mich zu amüsieren, so kann ich doch sagen: Ich bin ein echtes Family-Girl.

PM: Was Dich offenbar nicht daran hindert, Dein eigenes, familienunabhängiges Leben zu führen.

Sofia: Genau. Im letzten Sommer sind mein sizilianischer Freund und ich nach Malta gezogen. Wir haben uns eine Wohnung gekauft. Umgebung und Klima sind wunderbar. Zuletzt haben wir viel Zeit damit verbracht, unsere neue Küche zu planen, zu bauen und einzurichten. Ich liebe dieses kleine Projekt. Passt auch gut zu meinem Interesse an Nahrung und Kochen. Mein Großvater war Restaurantbesitzer und Küchenchef und meine Mutter hat mich seit jeher mit exzellentem Essen verwöhnt. Sobald ich Zeit habe, genieße ich es, selbst in der Küche zu sein. Der Spaß ist umso größer, da mein italienischer Freund gutes Essen besonders schätzt. Zu meinen Lieblingsspeisen zählen Lasagne und schwedischer Hackbraten. Ich selbst backe gerne Brot und Kuchen aller Art.

PM: Gut, dass Du Deinen Freund Luca, selbst ein Poker-Pro, so oft einstreust. Das hält Dir vielleicht aufdringliche Verehrer vom Leib. Du giltst ja als eine der bestaussehenden Damen im Pokerzirkus. Schmeicheln Dir solche Etiketten oder nervt es Dich, darauf mitunter reduziert zu werden?
Sofia: Es schmeichelt mir, solche Kommentare zu meiner Person zu hören. Damit habe ich kein Problem, im Gegenteil. Gut auszusehen ist in meiner Definition der Ausdruck einer schönen Seele bzw. einer Person, die nicht zu egoistisch ist und die auch am Wohlsein anderer Menschen Interesse hat. In diesem Sinne möchte ich gerne und jederzeit „gut aussehen“.

PM: Gutes Aussehen als Zeichen von Persönlichkeit also. Was prägt Dich denn als Person besonders?

Sofia: Es wirkt vielleicht manchmal so, als wäre ich ein wenig schüchtern. Aber ich bin nahezu niemals ängstlich. Es hat mir noch nie Angst gemacht, mich neuen Herausforderungen zu stellen. Im Gegenteil, ich liebe es. Zu meinen größten Stärken zählt die Geduld. Was im Pokeralltag sicher kein Fehler ist. Andere sagen wiederum über mich, dass ich teilweise ein wenig geistesabwesend bin und vieles vergesse. Stimmt wohl. Ich habe zum Beispiel mal mein Handy verlegt und es erst drei Tage später gefunden – im Kühlschrank.

PM: Und was findet man sonst noch im Kühlschrank von Sofia Lövgren?

Sofia: Zumeist die Reste vom Abendessen vom Vortag. Meistens schwedische Fleischklöße mit Oberssauce, Rinderbrust, Bolognese oder Lachs. Außerdem viele Fruchtsäfte, Milch, Butter und gut und gern zehn verschiedene Käsesorten. Dazu Gemüse, manchmal Weintrauben, frisches Fleisch oder Fisch. Ah ja, und Tonnen von Eiscreme, die mein Freund so gerne kauft.

PM: Und wenn etwas fehlt, liegt ja noch das Handy da, mit dem man telefonisch schnell etwas bestellen kann.

Sofia: Praktisch, oder?

PM: Neue Wohnung auf Malta mit dem geliebten Partner, idyllische Familienbeziehung, sportliche Freizeit, Reisen um die Welt, Erfolg beim Pokern – klingt so, als wäre es ein wahrer Frevel, an Deinem Leben etwas ändern zu wollen. Hast Du dennoch Zukunftsprojekte, die Dir im Kopf herumschwirren? Solche, die Du im Hier und Jetzt bereits angegangen bist?

Sofia: Ja, da gibt es etwas. Hat mit Unternehmertum und Business zu tun, weil mich dieser Bereich schon von klein auf fasziniert. Ich war acht oder neun Jahre alt, als mein kleiner Bruder und ich an sonnigen Strandtagen bereits Eiscreme verkauften. Oder wir verhökerten Golfbälle auf den Golfanlagen. Wir haben auch Brötchen gebacken und sie an Nachbarn verkauft. Im Winter habe ich die Nachbarschaft abgeklappert, um Bücher und Zeitschriften als Weihnachtsgeschenke an die Frau und den Mann zu bringen. In mir scheint ein echter Unternehmergeist zu stecken. Meinen kleinen Verkaufsaktivitäten ließ ich später ein Wirtschaftsstudium folgen. Und im Moment verfolge ich ein Business- und Management-Teilzeittraining und hoffe, das Diplom in diesem Jahr zu bekommen.

PM: Pokern als Übergangslösung?

Sofia: Jein. Ursprünglich war Poker bloß als Auszeit von meinem College-Studium angedacht. Die „Auszeit“ dauert nun bereits fünf Jahre. Ich spiele immer noch Vollzeit – und ich liebe es.
Mich reizt dabei die Tatsache, frei und mein eigener Boss sein zu können. Ich entscheide, wann und wie viel ich daran arbeite. Im Moment verbringe ich sehr viel Zeit damit, aber es bleibt auch Raum, um daneben zu studieren. Und so ist es sehr gut möglich, dass ich eines Tages mein eigenes Business starte, das nicht unbedingt mit Pokern zu tun hat.

PM: Ein Unternehmen, das Du Dir dann vielleicht mit Deinen Pokergewinnen finanziert haben wirst. Das wäre mit reinen Homegames – die Coverstory in dieser Magazinausgabe – wohl nicht möglich. Wie stehst Du dazu?

Sofia: Als ich mit dem Pokern begann, habe ich mich in das Spiel selbst verliebt. Es war mein Lieblingshobby, bevor ich daran dachte, es beruflich zu machen. Ich denke, wenn es beim Pokern nicht um Geld ginge, würde ich trotzdem spielen. Aber eben nur ab und zu, vielleicht drei Stunden die Woche in einem netten Homegame. Und nicht, so wie derzeit, fünf Stunden pro Tag vor dem PC.

PM: Eigentlich eine Liebeserklärung ans Spiel.

Sofia: Auf jeden Fall.

PM: Dann wünsche ich Dir dabei weiterhin viel Glück. Bis jetzt sieht es ja gut aus. Und gutes Aussehen ist, wie wir wissen …

Sofia: … eine wichtige Frage der Persönlichkeit.

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