Kein Poker ohne Schmerz und ohne Wunden

Natürlich nicht. Denn das gehört dazu. Ebenso wie Lust, Freude, Freudentränen und Leidenschaft. Und natürlich besteht das ganze Leben aus Schmerz und aus Wunden. Und aus Jammern. Über Schmerzen. Aber auch aus Lernen über Wunden – sie sind lediglich ein Warnsignal. Nur funktionieren die meisten dieser Schmerzrezeptoren bei Pokerspielern nicht. Denn schon am nächsten Tag, spätestens, machen wir wieder dieselben schmerzhaften Fehler. Und wehtuende Erfahrungen.
Der Traum von einem Leben ohne Schmerz ist allerdings so alt wie die Menschheit. Im Paradies schon, mit Eva und dem Adam. Und die beiden haben nicht einmal gepokert, lediglich um diesen dämlichen Apfel gezockt. Ja, Liebe kann genauso wehtun wie Poker. Und verletzen. Und auch ab und zu das Herz brechen. Vor allem auf dem River. Und dann verlieren wir das Gefühl der Unbesiegbarkeit, dann sitzen wir wieder im Gefängnis unserer Trauer. Und unser Hirn verstärkt den Schmerz; aber auch das Wissen, dass es irgendwann einmal klappen wird. Der Alarmton, der uns quält, ist dann nicht mehr so laut. Und wir wollen dran glauben, mit unabdingbarem Glauben. Den bleibenden Risikofaktor ignorieren wir. Wir wollen keine Schmerzen mehr. Er soll eine flüchtige Bekanntschaft bleiben. Natürlich ist das unrealistisch, natürlich ist das obsoleter Unfug. Für uns Pokerfetischisten hingegen ist es die ganz reale Unwirklichkeit. In Ewigkeit. Ohne Amen.

Wir schlucken unsere Schmerztabletten und begeben uns in den weltfremden Zustand, der uns am liebsten ist, der uns für einen Moment des Glücks schmerzfrei werden lässt. Wir schaukeln im sanften Rhythmus des Wohlergehens zum nächsten Spiel, zur nächsten schmerzhaften Erfahrung, und lassen alles andere rechts und links zu einem unscharfen Etwas verkommen. Alles andere wirkt lediglich wie ein marginaler Fliegenschiss in einer anderen Galaxie. Wir sind kleine ernste Kampfgestalten, die unbeeindruckt und scheinbar furchtlos im Spaßparadies verweilen.

Demütigungen und Schmerzen schütteln wir ab. Oder ignorieren sie mit erhabener Gleichgültigkeit. Gleichgültige Erhabenheit lässt einen Schmerz erst gar nicht zu. Wir feiern uns und unsere glamouröse Wirklichkeit und ergötzen uns am Geruch der Niederlage der anderen. Ohne Schmerz kein Leid, nur sollen es bitte die anderen erfahren. Aber irgendwann sind auch wir wieder zurück in der schnellen, direkten und nüchternen schreckensvollen Wirklichkeit. Mit Schweißperlen auf der Stirn, mit aufgestellten Nackenhaaren und mit Furcht. Obwohl wir einfach nur nach Anerkennung, nach Erfolg und auch nach Liebe dürsten. Sie bekommen wir doch nur in den seltensten Fällen zu trinken. Und dennoch sind wir von einer singulärenLebendigkeit, lassen Angst nicht zu und    versuchen zu verhindern, dass die Pein unseren Körper durchdringt. Ja, so sind wir Liebenden. In unserer Weltwahrnehmung. Talent haben wir schließlich. Willen auch. Und irgendwie auch schon mal Anerkennung erhalten. Wir wollen reich, berühmt und vor allem schmerzfrei werden. Keine Angst mehr, vor nichts, vor niemandem. Nicht mal vor drei Kreuz auf dem Tisch. Oder fünf Overcards. Oder unserem Unglücksdealer.

Wir, die offensichtlich Hochbegabten mit genialen Anlagen, sind die Schmerzlinge einer ganzen Epoche, wir sind nicht die Sonderlinge in diesem Unterhaltungsbetrieb, sondern fester Bestandteil des Sanatoriums. Schmerzgeplagt und leidgeprüft beugen wir uns hinab, beugen uns hinunter; begutachten und schätzen ab. Im Wissen um die kommenden Wunden. Eine klaffende Wunde, nicht nur in der Seele, auch in der Bankroll.
Wunden gibt es immer wieder. Die Zeit heilt alle Wunden. Indianer kennen keinen Schmerz. Den Beruhigungsunsinn aus unserer Kindheit kennen wir, haben wir präsent in den Ohren. Trotzdem begleiten uns seelische Traumata auf unseren Wegen von einem Tisch zum anderen. Sie erwarten uns schon. Voller Sehnsucht. Sie wollen, sie werden zuschlagen. Ein paar von uns wird es wieder treffen, definitiv. Ohne Zweifel. Die Ursache ist geklärt, ein Heilungsverlauf möglich, aber nicht erstrebenswert, nur über die Art und Weise der Behandlungsmethode lässt sich trefflich streiten.

Schmerz als komplexe Sinneswahrnehmung, die natürlich subjektiv ist. Objektiv betrachtet gibt es das beim Pokern nicht, beziehungsweise es gleicht sich aus. Am Ende des Tages. Wenn die Wunden geleckt sind. Und dann geht es lustvoll und schmerzfrei weiter, weil wir es so wollen. Und weil wir es schließlich können.
Unsere Ignoranz gegenüber der Wirklichkeit. Raus aus der normalen Tristesse, rein in ein großes, fein komponiertes Melodram. Kein Verbrechen, kein Unfall, trotzdem Verletzte. Am richtig falschen Platz. Mit wackligen Schritten und festem, stoischen Plan lassen wir uns hineinziehen. Zu stark, zu kräftig ist der Sog unserer Fiktion. Immer wieder. Und am darauffolgenden Tag auch. Als Liebhaber in diesem leidenschaftlichen, schmerzzufügenden Spiel. Während im Vordergrund geliebt, geschwelgt und genossen wird, sind wir im Hintergrund die Akteure dieser wahren Wirklichkeit, auch wenn sie nicht die ist, die gespielt wird.

Ohne Schmerz keine Freude. Fragen Sie Ihren Arzt oder Floorman.

Udo Gartenbach