Way of Play: Resteal

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Das Thema heute: Resteal. Was bedeutet das überhaupt? Wie der Name schon verrät, ist es eine Art Konterstrategie gegen Steals von aggressiven Spielern.

Bei Poker geht es grundsätzlich eigentlich nur darum, die Blinds zu klauen. Die Blinds (und Antes) sind also der Anreiz für uns Spieler, da sie „totes Geld“ sind und unabhängig von den verteilten Karten gesetzt werden müssen.

Sieht man sich nun also einem Spieler gegenüber, der in später Position mit einer sehr weiten Range erhöht, um die Blinds zu klauen, so braucht man eine passende Strategie, um zu verhindern, dass seine Strategie (durch ein Raise die Blinds und Antes klauen) erfolgreich ist. Mit deeperen Stacks werden wir also einige unserer Hände callen und einige ausgewählte Hände 3-betten, also eine weitere Erhöhung tätigen, auf welche der Gegner im Optimalfall foldet oder postflop ohne Position gegen unsere 3-Bet-Range antreten muss.

„Je kleiner nun die Stacksizes werden, desto weniger Spielraum bleibt uns für (Bluff)-3-Bets. Wir würden zu oft in die Situation kommen, auf ein All-In nach uns, nur noch so wenig nachzahlen zu müssen, dass wir Pot committed wären.“ Deshalb sollten wir mit einer Stacksize bis etwa 20BB direkt All-in gehen, wenn wir eine Hand gefunden haben, die uns für einen Resteal geeignet vorkommt.

Wie schon in der letzten Ausgabe, machen wir hier nun einen kleinen Ausflug in die Mathematik, um zu verstehen, wann wir restealen und mit welchen Karten; wir müssen uns überlegen, von welchen Faktoren die Profitabilität unseres Spielzugs abhängt.

Hier einmal die Grundformel:

Expected Value (reshove) = Equity (fold) – Equity (call)

= % Fold * Pot (pre) – % Call (BB) * (Stack (vorher) – Potequity vs BB) – % Call (Bu) * (Stack (vorher) – Potequity vs Bu)

Das sieht erstmal kompliziert aus, aber wir müssen im Prinzip nur alle gegebenen Informationen einsetzen und für alle weiteren Variablen möglichst realitätsnahe Annahmen treffen.

Szenario:
Unsere Karten: J9s
Wir haben ca. 20BB und beide Spieler haben uns „covered“, haben also mehr Stack als wir. BB ist 5000, SB ist 2500, Ante 500. Acht Spieler sitzen aktuell am Tisch.

Der Einfachheit halber vernachlässigen wir den sehr seltenen Fall, dass beide unseren Resteal callen.

Unsere Fold-Equity hängt also davon ab, welchen Teil seiner Steals der Button gegen uns callt und welche Hände der BB gegen unseren Push callt.

Der Big Blind kann jede Handkombination halten, daher haben wir hier ca. 94 % Fold-Equity und werden von den Top-6 % seiner Holdings (88+, AQo+, Ajs+) gecallt, während der Button ja bereits ein Open Raise vorgenommen hat. Demnach wird er also nicht 100 % aller Handkombinationen haben, sondern vermutlich knapp über 50 %.

Unter der Annahme, dass der Button hier etwas looser callt, da er die Action schließt und nicht wie der BB fürchten muss, der Button würde noch aufwachen, wird er hier wohl etwa 8 % (66+, ATs+, KQs, AJo+) callen und den Rest seiner Range folden. Unsere Fold-Equity beträgt also 84 % (42/50). Wir können also langsam in unsere Formel einsetzen.

In 94 % der Fälle foldet der BB und 84 % der Zeit – nachdem der BB gefoldet hat – foldet auch der Button. Die Overall-Fold-Equity beträgt also 78,96 %. Der erste Teil unserer Gleichung steht also fest.

= 78,96 % * Potsize Preflop inklusive Minraise des BTN (5000+2500+500*8+10000)
= 78,96 % * 21500

Nun zum Teil der Gleichung für die Fälle, dass wir den Pot nicht preflop mitnehmen können.

= % Call (BB) * (Stack (vorher) – Potequity vs BB
= 6 % * (200.000 – 418.000 * Equity vs Calling Range)

Um die Gleichung zu vollenden, benötigen wir also die Equity unserer Hand (J9s) gegen die angenommene Calling-Range. Wir benötigen also Equity-Rechner, wie ihn z. B. PokerTracker oder Hold’em Ressources Calculator beinhalten.

Fall 1 – BB callt: J9s vs 88+, AQo+, AJs+:  32,6 %
Fall 2 – BTN callt: J9s vs 66+,ATs+,KQs,AJo+: 34,88 %

Den Stack nach Reshove ermitteln wir also mit Hilfe der Potsize für den Fall eines Calls, multipliziert mit unserer Pot-Equity, also in wie viel Prozent der Fälle wir den Showdown gewinnen.

Fall 1 – BB callt:     = 6 % * (200.000 – 418.000 * 0,326)
Fall 2 – BB callt:     = 8 % * (200.000 – 413.000 * 0,3488)

EV (reshove):
= % Fold * Pot (pre) – % Call (BB) * (Stack (vorher) – Potequity vs BB) – % Call (Bu) * (Stack (vorher) – Potequity vs BTN)

= 0,7896 * 21.500 – 0,08 * (200.000 – 413.000 * 0,3488) – 0,06 * (200.000 – 418.000 * 0,326)

= 16.976,4 – 0,08 * 55945,6 – 0,06 * 63732

= 16.976,4 – 4475,65 – 3823,92
= 8677 Chips (ca. 1,65BB)

Wir machen mit unserem Resteal also ca. 1,65 BB Profit. Das mag wenig klingen, aber wenn Ihr Euch überlegt, dass dieser Spot regelmäßig auftaucht und Spieler teilweise noch looser openraisen als 50 %, dann erkennt man, wie viel EV hier teilweise liegen gelassen wird, weil man Hände gegen Steals foldet, die profitable Resteals wären.

Wer sich in die Formel etwas weiter reinfuchst, wird auch erkennen, dass unser Reshove bzw. dessen Erwartungswert sehr stark davon abhängig ist, wie groß die Gap zwischen Openraising- und Callingrange des Buttons ist. Aber auch unsere Handauswahl ist nicht zu vernachlässigen, da wir vor allem Hände für Resteals wählen sollten, die gegen die Calling-Range unserer Gegner zumindest eine akzeptable Equity haben (J9s, K7s, 85s, 22-55, etc.).

Als kleines Rätsel:
Setzt einfach mal ein paar Hände in die Formel ein und versucht – am besten mit Hilfe von Equity-Rechnern – herauszufinden, ob sie profitable Resteals wären. Ihr werdet überrascht sein, wie loose man es reinknallen kann, wenn der Openraiser kompetent genug ist, eine weite Range zu haben!

Ich hoffe, Ihr konntet bis hierher durchhalten und die zugegeben sehr theoretische Kost einigermaßen aufnehmen. Falls Ihr Fragen habt, findet Ihr mich entweder auf Facebook oder, mit etwas Geschick, in Skype.

 

Christian Bauer

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